Dass in diesem Jahr so viele Remakes und Folgefilme ins Kino drängten, wird – der Herbst lief schlecht, mit Ausnahme von Harry Potter IV – schon wieder als Zeichen einer Hollywood-Krise gedeutet. Aber wahrscheinlich pendelt das Kino immer hin und her zwischen Neuerfindung und Wiederholung, es treibt sein Publikum in endlose Bilderfluchten, an deren Ende leider kein finales Kinoerlebnis wartet. Alte Bekannte kamen schon immer zurück, jetzt auch Kong. Weihnachten 2005 ist er siebeneinhalb Meter groß, ein rauflustiger Viertonner, 188 Minuten lang, XXL-Kino, das letzte Monster aus dem Monsterfilm, aber er ist auch ein spätes Männchen, das müde in den Sonnenuntergang blickt und leise spürt: Hier kommt mein Mythos an ein Ende.

Dieser King Kong von Peter Jackson ist gigantisch, er ist technisch perfekt, er hat 207 Millionen Dollar gekostet, lässt alle Tricktechniker der Welt mit der Zunge schnalzen – und nach ihm kommt lange nichts mehr. Irgendwann wird man Kong vielleicht neu erfinden. Jetzt ist die Luft erst einmal raus aus der Geschichte von der jungen New Yorker Schauspielerin Ann Darrow und dem besessenen Regisseur Carl Denham, die auf die Schädelinsel schippern, um den noch nie gesehenen Film zu drehen (statt Remakes), die dann auf den Riesenaffen treffen, ihn betäuben und an den Broadway schleppen, wo der Affe sich befreit, die Stadt ein bisschen kaputtmacht und schließlich auf dem Empire State Building erschossen wird.

Seit mehr als siebzig Jahren trommelt der Affe Interpretationen aus dem Stoff, psychoanalytische, kultur- und sozialkritische, mal stand er für den schwarzen Amerikaner, dann für den politischen Totalitarismus, einige sahen in ihm eine Art guten Wilden mit starkem Freiheitsdrang, meistens jedoch steht er für die ungewaschene Sexualität des Mannes. Wenn Amerika sich die Natur unterwirft und sie im Unterhaltungsgeschäft ausbeutet, blitzt darin immerhin schlechtes Gewissen auf, aber natürlich nur ein schlechtes Kinogewissen. Denn ohne toten Kong keine Schaulust im Kino, die Bildergier ist amoralisch, sie wird aber von einer Spur Trauer begleitet.

Man hatte irgendwie erwartet, dass sich der große Herr der Ringe- Mythenbeschwörer Peter Jackson eigene Gedanken zur Kong-Thematik macht. Es hätten ja auch amüsante sein können. Solche sind Jacksons Film leider nicht zu entnehmen, er verlässt sich ganz aufs Spektakuläre, auf die Überwältigung. Natürlich kann man sich der grotesken Gewalt einer Horde Brontosaurier, die durch ein enges Tal trampelt und dabei ins Purzeln gerät, kaum entziehen. Naomi Watts ist die schönste Blonde, die sich je in die Hand eines Riesenaffen gekuschelt hat; nie waren die Urviecher im Dschungel so groß, so echt, so ekelig. Kein Kong hatte je einen besseren Abgang: schwups vom Dach und dann in Zeitlupe aufs Pflaster. Jacksons King Kong ist der beste nicht so gute Film, den man sehen muss. Hinterher dröhnt einem allerdings der Kopf, und das liegt nicht nur an der nervtötenden Musik. Es liegt auch daran, dass Jackson seine Geschichte nicht in den Griff bekommen hat, vielleicht auch nicht bekommen konnte.

Der Echtheitswahn, der alles naturgetreu nachmachen will

Woher rührt dieses zwiespältige Gefühl? Anfang und Schluss des neuen King Kong bestehen aus Erzählkino, das in Wirklichkeit pusseliges und pedantisches Ausstattungskino ist, unwillig zur Kürze, zur Zuspitzung. Die Rasanz mancher Kamerafahrt, mancher Perspektive, vor allem die dauernden Zeitlupen wirken redundant. Das Pracht- und Mittelstück ist Fantasy. Und furiose Action – besser als Jurassic Park, technisch aber auch nicht die Grenzen des Herrn der Ringe überschreitend. Der King Kong- Stoff funktioniert aber nur als geschlossene Geschichte, so wie im Original von 1933, das nur halb so lang ist und dabei ein kompaktes Melodram. Selbst das zweite ambitionierte Remake von 1976, das besser ist als die damalige Kritik, zerfällt nicht in Blöcke. Beide Versionen inszenieren nicht nur Kino, sondern deuten mit dem Film ihre Zeit. Beide sind Produkte der Krise, der wirtschaftlichen Depression beziehungsweise der Ölkrise samt erwachendem ökologischem Bewusstsein.

Das Original beantwortet das Krisengefühl mit unmittelbarem Kino-Eskapismus, mit der Sehnsucht nach einer Exotik, einer Intensität, die der Film der Dreißiger schon nicht mehr garantieren konnte. Das Affenmonster ist das Resultat einer zeittypischen Fantasie, in seiner eher dussligen Geschichte kam die Sehnsucht nach wirklich großen und erhabenen Geschichten zum Ausdruck: Die Schönheit und das Biest. Alles in der Version von 1933 ist künstlich, erkennbar künstlich, angefangen vom Dschungel, der der Überlieferung nach Gustave Dorés Illustrationen des Verlorenen Paradieses von Milton nachgebildet sein soll, bis hin zu Kong, der im wahren Leben ein 45 Zentimeter hohes, mit Kaninchenfell überzogenes Püppchen war, aber im Film den Charme eines Amok laufenden Teletubbies entwickelte.

Peter Jackson ist dem Pfad der Fantastik gerade nicht gefolgt, obwohl er sich das Original von Cooper und Schoedsack zum Vorbild nahm und seine Welt fast ganz aus dem Computer generierte. Jackson trieb ernsthafte Naturstudien, besuchte Zoos, er machte aus Kong einen echten Gorilla mit menschlichem Antlitz, und er machte aus dem Dschungel echten Wildwuchs, wenn auch kinogerechten: Natur, bigger than life. Die Digitaltechnik zwingt diesem King Kong einen neuen Naturalismus auf, Echtheitswahn, alles naturgetreu nachgemacht. Dieser Kong ist ein Kino-Hybrid, äffisch und mit humanem Mienenspiel. Der Wald ist ebenso natürlich, wenn auch einer vollkommenen digitalen Evolution unterzogen. Alles ist hyperreal und zugleich entkünstlicht. Der Film besteht zu seinem größten Teil aus Computerbildern.