Kaum sind die Feuer in den Banlieues gelöscht, entbrennt in Frankreich eine Debatte über die Ursachen der Gewalt. Die Erschütterung über die dreiwöchigen Unruhen entlädt sich in bizarren Schuldzuweisungen. In der Pariser Nationalversammlung schlägt die Stunde der Moralisten. Sie erklären den Sittenverfall in den Vorstädten wahlweise mit illegaler Vielweiberei, gewaltverherrlichender Rap-Musik oder der Abschaffung der disziplinierenden Wehrpflicht. Gegenüber solchen Ordnungsrufen klingen die Befunde von Intellektuellen wie André Glucksmann oder Alain Finkielkraut vollends apokalyptisch. Sie sehen die Aufstände als Hassausbruch gegen alle westlichen Werte, dem nicht mehr pädagogisch, sondern nur noch autoritär beizukommen sei.

Derweil bemühen sich Regierung und Verbände um die Aufräumarbeiten. Staatspräsident Chirac will 50000 Jugendliche für einen freiwilligen Zivildienst bei gemeinnützigen Einrichtungen rekrutieren, Gymnasien und Grandes Écoles kümmern sich verstärkt um die Aufnahme von Immigrantenkindern, Unternehmer suchen in den Problemquartieren nach jungen Talenten, das Finanzministerium plant neue Sonderwirtschaftszonen für Banlieue-Firmen, die Schulverwaltung verspricht mehr Personal und Geld für Problemzonen, und neue Antidiskriminierungsgesetze belegen fremdenfeindliche Vermieter oder Arbeitgeber erstmals mit empfindlichen Geldstrafen.

Die sozialpolitischen Initiativen klingen vielversprechend, sind aber nicht neu. Das Tempo, mit dem Frankreich auf die Missstände reagiert, zeigt, dass das Land bei allem Erschrecken nicht völlig überrascht wurde. In der Tat greift die Republik auf Förderprogramme zurück, die schon seit Jahren laufen und nun forciert werden. Seit 20 Jahren kennt man die Schwierigkeiten der Banlieues, ebenso wie sporadische Gewaltausbrüche. Doch angesichts der beispiellosen Unruhen stellt sich nun die Frage, ob das Land nach allen gescheiterten Therapien nicht reif ist für die radikal neue Diagnose: dass die Integration à la française nicht mehr funktioniert.

Bislang hatte Frankreich sein republikanisches Modell in strikter Abgrenzung zu Staaten mit multikultureller Einwanderungspraxis gesehen. Während vor allem angelsächsisch geprägte Länder den Immigranten gestatten, Sprache, Kultur und Sitten ihrer Herkunftsländer beizubehalten, fordert das republikanische Konzept die Anpassung an Werte und Gebräuche, die Frankreich seit 1789 als Menschheitsideal sieht. Angesichts von Rassenunruhen und Segregation in Staaten mit kommunitären Modellen wussten die Franzosen den enormen Assimilationsdruck auf Fremde mit einem Versprechen zu rechtfertigen – dass nämlich denjenigen, die die Einheit und Unteilbarkeit der Republik anerkennen, ein gleichberechtigtes und friedliches Zusammenleben sicher sei.

Angesichts der Schadensbilanz von 200 Millionen Euro – 10000 verbrannte Autos und 300 zerstörte Gebäude – ist die Illusion von der Tragfähigkeit des republikanischen Modells zerplatzt. Auf der Suche nach den Schuldigen richten sich zunächst alle Blicke auf das rigide Schulsystem, das jährlich 150000 Abbrecher produziert. Doch das Erziehungsministerium steht längst mit dem Rücken zur Wand und muss die geplante Einrichtung von 150 neuen "pädagogisch prioritären Zonen" durch Umverteilung finanzieren, unter der die bislang existierenden 750 Förderschulen leiden. Deshalb will Premierminister Dominique de Villepin kurzen Prozess machen und die Schulpflicht von 16 auf 14 Jahre herabsetzen, damit Sorgenkinder eine Berufsausbildung beginnen können. Große Hoffnungen setzt er dabei auf die Unterstützung von 250 Großunternehmen, die sich jüngst eine ernsthafte Selbstverpflichtung zur größeren Diversität bei der Personalrekrutierung auferlegt haben.