Ließe sich der Lebenslauf der Liebe seismografisch aufzeichnen, sein Verlauf wäre von dem eines Erdbebens kaum unterscheidbar. Silvester 2004: Drei befreundete Paare mittleren Alters feiern in einem entlegenen Gasthof den Jahreswechsel und entstauben ihre Erinnerungen.

Alles wäre wohl wie in all den Jahren zuvor, hätte Bernward nur nicht Judith mitgebracht, seine gefährlich schöne, den Kinderschuhen kaum entwachsene Nichte. Und vielleicht hätten Tanzmusik und Feuerwerk dafür gesorgt, dass die Wahrheit draußen bleibt, außerhalb der eigenen vier Wände. Aber aus Rücksicht auf die Opfer der Tsunami-Katastrophe wird auf diese Stimmungsutensilien verzichtet. Was bleibt einem also anderes übrig, als zu reden?

Ingrid Bachér entwirft in der Erzählung Der Liebesverrat ein atmosphärisch dichtes wie düsteres Panorama aus Betrug und Selbstbetrug und weiß die Vorboten geologischer wie privater Katastrophen auf subtile Art und Weise zu verknüpfen. Schon während der Vorspeise ist allen klar, dass Arno seine Frau mit Judith betrügt. Judith im Blick, sitzt er den gesamten Abend wie ein erregtes körperliches Gehäuse am Tisch, während seine Frau Nina Trost bei Arthur findet, was bei dessen Frau Karla zu Erschütterungen führt, die die gern vergessene Kindheit wieder freilegen. Es wird angestrengt über Liebe, Treue, Glück und Naturkatastrophen philosophiert, bis Judith mitten im Hauptmenü eröffnet, dass Arno und sie bereits verlobt seien, und damit alles ins Wanken bringt. Vorerst legt sich die verheißungsvolle Mitternacht wie ein Pflaster auf die aufgerissenen Wunden. Das Gestern wird in jener Nacht schnell zur rettenden Vergangenheit; alles ist nicht mehr ganz so wahr.

Dieses Buch ist nicht zuletzt ein Lehrstück über die Ausweglosigkeit, den Dingen auf den Grund gehen zu wollen; der, sobald man ihn betritt, sich von neuem auftut.