Nachdem die keck provozierende Formel "Liebesblödigkeit" zum Stichwort der Literatursaison geworden zu sein scheint, verhilft ihr jetzt, mehr als Wilhelm Genazinos durchtriebener Roman selbst, Hermann Broch zu lebensechter Couleur. Der große österreichische Erzähler, der im amerikanischen Exil starb, hat, wie seine Korrespondenz verrät, zeitlebens mit solchen Arrangements gelebt, als Workaholic und Womanizer zwischen meist mehreren Frauen balancierend, denen er über Jahre hinweg untreu blieb. Dabei war er bekenntnisfreudig: "In mir ist es geradezu dämonisch zugegangen", schreibt er einmal. "Jede erotische Bindung, und gar eine so intensive wie die, mit der ich an Dich gebunden war (und wohl bin), hat für mich die innerste Störung bedeutet, die ich im Innersten mit Aggressionen beantwortet habe. Wären wir länger beisammen geblieben, so wären sie zum Ausbruch gekommen, und das habe ich gefürchtet, wie man Dämonen fürchtet."

Das ist kein Zitat mehr aus dem Briefwechsel mit Annemarie Meier-Graefe, der erschreckend vorführte, wie Broch diese Frau, mit der er kurz vor seinem Tod eine geheimgehaltene Ehe einging, bis an den Rand des seelischen Ruins getrieben hatte (ZEIT Nr. 22/01). Es ist der Beleg aus einer Parallelkorrespondenz, Dokument einer anderen Lebensbeziehung, Seufzer einer ähnlichen Zerrissenheit. Wieder hat der Broch-Biograf Paul Michael Lützeler einen dunklen Schatz aus der umfangreichen Korrespondenz Brochs gehoben; aber wieder ist es nicht so sehr ein Briefwechsel als eine verdeckte Strindbergiade. Wieder liegt über allem, was da hin und her ging, der Schatten unerfüllter Sehnsüchte, praktizierter Liebesblödigkeit. Nur dass diesmal neben den beiden Partnern auch die Weltgeschichte ein kräftiges Wort mitspricht.

Transatlantische Korrespondenz nennt der Herausgeber den Band, in dem er Briefe Hermann Brochs und einige wenige von Ruth Norden aus den Jahren 1934 bis 1938 und dann wieder von 1945 bis 1948 vereinigt hat. Es ist ein kluger Kunstgriff, das Material zu beschränken; im ersten Abschnitt schreibt Broch von Europa aus an die nach New York emigrierte junge jüdische Intellektuelle; im zweiten von Amerika aus an sie nach Europa, nach Berlin, wo sie nach dem Krieg den Rias aufbauen hilft und drei Jahre lang die Trümmerstadt erlebt. Vertauschte Richtungen, umgekehrte Blickwinkel.

Im ersten Teil der Sturz Europas in die Katastrophe und die Versuche einer knapp Dreißigjährigen, in New York Fuß zu fassen; Brochs langes Zögern vor der Emigration; in den späteren Jahren dann der Versuch, der Katastrophe Herr zu werden, von Princeton aus Hilfe zu organisieren, in Berlin so etwas wie mediale Demokratie einzuüben; erste Anzeichen der Zerreißproben des Kalten Krieges.

Aber den ersten wie den späteren Zeitraum überwölbend: Hermann Brochs ebenso unentwegte wie erfolglose Arbeit an Petitionen und Denkschriften (erst an den Völkerbund, dann an andere Gremien, zuletzt die Vereinten Nationen), die sich zu großen Essays ausweiten und damit gleichzeitig ihren politischen Nutzen vereiteln. Doch er erkennt auch, bei Kriegsende 1945, welche Vorbilder dem geschlagenen, korrumpierten Deutschland Not tun: "Männer wie Goerdeler, Helmut Moltke, York-Wartenburg, Albrecht Haushofer etc. etc. sind die wahren Vertreter des Deutschtums; sie und mit ihnen jene Hunderttausende, die vorderhand noch nicht genannt sind, aber genannt werden sollten, haben sich wahrhaft für das deutsche Volk geopfert, und sie sind es, die als Helden in der deutschen Geschichte weiterzuleben haben." (Wie lange hat das Land selbst noch gebraucht, bis es sich zu dieser Einsicht verstand?!)

"Man braucht eine ungeheure Energie zu all diesen Dingen"

Wer aber war diese Ruth Norden, die dem immer wieder sich entziehenden und dann selbst am Entzug leidenden Hermann Broch so lange und leidenschaftlich verfiel? Das Ereignis dieses neuen Briefbandes ist das Bild einer ungewöhnlichen Frau, die früh schon die Zeichen der Unzeit erkannt hat; sie ist zwanzig Jahre jünger als Broch und noch nicht dreißig, als sie in New York als Lektorin und Übersetzerin zu arbeiten versucht und sich Mut zuspricht: "Man braucht eine ungeheure Energie zu allen diesen Dingen. Ich habe das Gefühl, daß man nicht nachgeben kann, sonst ist es aus. Nur weiß ich nicht, ob ich das durchhalte."