Kollegin Casati von der Süddeutschen Zeitung führte neulich ein Interview mit Matt Dillon, der die Hauptrolle in der Bukowski-Verfilmung Faktotum spielt, die diese Woche in die deutschen Kinos kommt. Darin hat sie herablassend geäußert, Bukowski werde hierzulande nur noch von denen gelesen, die jung und wütend seien. Sehr gut. Das macht mich jung. Und wütend.

Zwei Spalten später erzählt Casati von einer Lesung Bukowskis in der Markthalle Hamburg im Mai 1978, Zitat: "Streng genommen war es wohl gar keine (Lesung). Die Markthalle war gerammelt voll, Bukowski saß auf der Bühne, und neben ihm war ein großer Kühlschrank voller Schnaps aufgebaut. Am Ende der Lesung hatte er alle Flaschen ausgetrunken, aber keinen Buchstaben vorgelesen. Woraufhin ein Tumult entstand."

Matt Dillon: "Großartig!"

Das ist natürlich alles Quatsch. Jeder, der sich auch nur ein bisschen für Bukowski interessiert, weiß, dass er zu diesem Zeitpunkt schon seit einem Jahrzehnt keinen Schnaps mehr trank, dass im Kühlschrank zwei Flaschen Müller-Thurgau standen (er trank seit 1970 fast ausschließlich deutsche Weißweine oder mal roten Franzosen), von denen die zweite halb voll blieb, dass er eine Stunde lang sehr konzentriert, ruhig und gekonnt Gedichte vorlas. Tumulte gab es auch nicht.

Aber die falsche Anekdote zeigt das Problem auf: Mit Bukowski glaubt sich jeder schnell auszukennen – und wie peinlich sich viele seiner Gegner auch gerieren: Oft muss man sich für manche seiner blökend-grölenden Freunde, die ihn mit ihrer falsch verstandenen Liebe als Künstler erst recht entwürdigen, noch tiefer, bis hinab zum Mittelpunkt der Erde schämen. Bukowski ist so was wie der Puccini der Literatur. Man kann ihn auf oberster Ebene sofort verstehen, ohne kulturell arg beschlagen zu sein. Er war ungemein populär und erfolgreich, wurde aber von den vielen selbst ernannten Feingeistern, dieser Pest der Kultur zu allen Zeiten, belächelt bis verachtet, wurde als Pubertätshilfe eher anerkannt denn als ernst zu nehmender Schriftsteller. Bis eines Tages, wie längst im Fall Puccini, ein Umdenken stattfindet und man mit genügendem Abstand die tieferen Strukturen erkennt, die da mal sehr bewusst und nach allen Seiten reflexiv angelegt wurden.

Für ein neues Verständnis Bukowskis ist der jetzt erschienene Band Schreie vom Balkon unabdingbar. Dieses Buch ist seit Ham on Rye das wichtigste Buch von Bukowski überhaupt. Es ersetzt alle ohnehin unsäglichen Biografien, es ist ein Roman, ein Briefroman, der Roman der zweiten Hälfte seines Lebens, geschrieben von einem der klügsten Autoren, die ich je lesen durfte, und während ich hier Platz verschwende, würde ich lieber diese gesamte Zeitung dazu benutzen, um mindestens zwei Drittel des Buches zu zitieren. Allein schon sein (Anspieltipp! Seite 278) Leserbrief an die Redaktion der L.A. Free Press enthält das Destillat einer treffend und messerscharf sezierten hybrid-hysterischen Epoche in all ihrer Unerträglichkeit. Lesen Sie das in der nächsten Buchhandlung! Sofort!

Mythos und Pose. Immer hab ich mich gefragt, inwieweit die ganze Show, die Bukowski bot, inszeniert oder gelebt war. Dieses Buch gibt eine klare, wenn auch nicht simple Antwort. Alles ist echt, wenigstens am Anfang, wenn er in jeden Brief wie in einen Roman geht ("Alles öde und mies; wieder mal ein Tag voll Nieselregen und Verdammnis, die Pflanzen schnaufen und keuchen und schwitzen in der ausgelaugten Luft, und übers Fliegengitter kriechen die letzten zwei stupiden Fliegen des Sommers, denen es irgendwie nicht gelungen ist, eine Spinne zu finden und zu sterben. Meine 12 Wochen alte Tochter heult im Zimmer nebenan, ihre Schreie schneiden in alles, was ich schreibe…"); wenn er in jede Zeile all seine Wut und Fantasie legt – aber die Selbstmythifikation, die Bukowski anfangs nur unbewusst betreibt, wird ihm immer bewusster, und er wehrt sich nicht dagegen, weil er denkt, dass es nur eine Strategie der Eitelkeit wäre, sich dagegen zu wehren.