Belletristik Der Untergang Somalias oder die totale Familie

Nuruddin Farah erzählt schonungslos und selbstkritisch von afrikanischer Tyrannei und der Despotie des Clan-Wesens

Jebleeh kehrt nach über zwanzig Jahren in die Heimat zurück. Als er geflüchtet war, hatte in Somalia ein blutrünstiger Dikator geherrscht. Jetzt, ein Jahrzehnt nach dem Sturz des Despoten, existiert Somalia nicht mehr, der Staat ist in einem Bürgerkrieg zerfallen und zur Beute von Warlords geworden. Unter der Diktatur war das Leben grausam gewesen, aber immerhin hatten die Unterdrückten ein Ziel gehabt und zu wissen geglaubt, wer die Guten und wer die Bösen waren in ihrem geschundenen Land. Seit die Clan-Führer sich das Territorium untereinander aufgeteilt haben und zugleich gegeneinander Krieg führen, weiß in Somalia niemand mehr, wer der Feind ist, der ihn töten wird, und von wo die Gefahr droht, der wieder für einen Tag zu entrinnen die Hauptbeschäftigung der Menschen geworden ist. »Heute sind wir höchstens noch gute Böse oder schlechte Böse«, flüstert einer dem Heimkehrer zu, der sich vergeblich zu orientieren versucht.

Nichts ist, wie es scheint, keiner ist der, für den man ihn hält. Der würdevolle Herr am Flughafen, der Jebleeh seine Hilfe anbietet, besitzt zwar tatsächlich eine Bestattungsfirma, die mit dem trefflichen Slogan »Who lives, dies« wirbt, aber am Ende zeigt sich, dass er selbst den Tod bestellt und mit den Organen der auftragsgemäß Ermordeten ein florierendes Exportgeschäft betreibt. Der Taxifahrer, der ihn durch die geisterhafte Ruinenstadt Mogadischu zum Hotel bringt und gepflegt über klassische Literatur konversiert, er ist ranghoher Militionär in einer der Mörderbanden, die das Land in Besitz genommen haben und seine Bewohner terrorisieren. In dem halbverhungerten Bettler am Straßenrand aber, der mit demütiger Gebärde um Nahrung bittet, erkennt Jebleeh einen der berüchtigten Folterknechte des gestürzten Diktators wieder, »der sein Vergnügen darin gefunden hatte, politische Gefangene im Hungerstreik dazu zu zwingen, ihre eigenen Exkremente zu essen«. Vertrauen wird in dieser Gesellschaft, die sich nach dem Zerfall aller staatlichen Institutionen in unfassbarem Ausmaß barbarisiert hat, mit dem schnellen Tod bestraft; aber auch das Mitleid, das angesichts der Scharen von Elenden angebracht erscheint, ist womöglich an den Falschen verschwendet, der es mit einem jähen Akt der Gewalt entlohnen könnte.

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Nuruddin Farah, 1945 in Somalia geboren, ist einer der bekanntesten Erzähler Afrikas; vom Diktator Siad Barre in Abwesenheit zum Tod verurteilt, lebt er seit seinem 30. Lebensjahr als Flüchtling in Italien, Deutschland, den USA, in Nigeria, Gambia, Sambia, Äthiopien, Südafrika. In zwei Romantrilogien, die in viele Sprachen übersetzt wurden, hat er sich mit Somalia auseinander gesetzt; mit einem Land, dem die Vergangenheit von den Kolonialherren und ihrem Kampf gegen afrikanische Traditionen geraubt wurde und dem eine Zukunft droht, in der sich die Schlächterei nur immer endlos fortsetzt. Die Briten, Italiener und Franzosen hatten das Land einst willkürlich nach ihrem Belieben aufgeteilt – bald nach der Vereinigung von 1960 ist Somalia ausgerechnet entlang dieser abstrusen Grenzen in die Reviere der großen Clans mit ihren zahllosen Unter-Clans zerfallen. Was von den Europäern blieb, ist der Hass der Somalis aufeinander. Wo der Staat als Erfindung einer gewaltsam ins Land gebrachten Moderne zerschlagen wurde, gewährt nur der Clan dem Einzelnen noch Schutz.

Verwandtschaftsverhältnisse haben blutige Folgen

Nuruddin Farah hat in seinen Romanen die Kolonialherren stets kompromissloser Kritik unterzogen, aber er ist zugleich ein mutiger, unbestechlicher Feind jener afrikanischen Despoten, die sich nach dem Befreiungskampf deren Erbe angeeignet haben. Voller Wut und Enttäuschung geht Farah aber vor allem mit dem Clan-Wesen ins Gericht, jener Herrschaftsform, die anstelle des Staates die Familie, die familiären Bande vieler untereinander verwandter Sippen setzt und den Mythos der Blutsverwandtschaft blutige Realität werden ließ. Das Clan-System ist aberwitzig kompliziert, weil in der totalen Familiarisierung der Gesellschaft sich die Verwandtschaftslinien nach der Mutter und dem Vater vielfach kreuzen, oft aber auch auseinander laufen. So zahlreich sind die familiären »Links« eines jeden, dass er sich in einer kaum durchschaubaren Vielfalt von Abhängigkeiten und Feindschaften verfängt; und da es weder Gesetze noch Institutionen mehr gibt, kann er nur in Clan-artigen Strukturen überleben, die andrerseits der Grund dafür sind, dass er keine Chance hat, sich als Einzelner zu behaupten und als Individuum zu entfalten.

Jebleeh betritt eine zerstörte Stadt, über die ein Netz von Verwandtschaftsbeziehungen geworfen ist, in dem auch er, der von Clan und Clan-Verpflichtungen nichts wissen will, sich verheddert. Nur weil ihn Mitglieder seiner Sippe durch die Stadt mit ihren unzähligen inneren Grenzen geleiten, findet er überhaupt zu seinem Freund Bilé, den er so lange nicht gesehen hat. Bilé leitet ein Asyl und Krankenhaus, in dem er Waisenkinder ungeachtet ihrer Herkunft aufnimmt. Waisen zu sein, ja nicht einmal zu wissen, wer die eigenen Eltern waren: In dieser Tragik lässt Nuruddin Farah eine paradoxe Hoffnung keimen. Werden ausgerechnet diese Kinder, die kein Clan mehr für sich beansprucht, dereinst der Emanzipation den Weg bereiten, der Emanzipation des Einzelnen aus den Fängen des Clans?

Hoffnung gibt es, wenn die Menschen wagen, »ich« zu sagen

Farah erzählt weitschweifig, mitunter erläutert er, was er zuvor erzählt hat, in diskursiven Passagen, und nicht eben zurückhaltend versetzt er das Geschehen mit Symbolen. Da kreisen ewig die Geier über der ausgebrannten Stadt, auf deren Straßen sich schwer bewaffnete, von Drogen berauschte Jugendliche den Spaß machen, auf vorbeihuschende Menschen zu schießen, was sie bei jedem Treffer jubeln lässt, als hätten sie bei einer Computersimulation eine Spielfigur abgeknallt. Der äußere Handlungsgang wird von einer doppelten Suche bestimmt: von Jebleehs Suche nach dem Grab seiner Mutter – und der nach den zwei Mädchen, die aus Bilés Asyl entführt wurden. Natürlich geht Jebleeh auch hier meistens in die Irre, Leute, die seine Mutter gar nicht kannten, berichten ihm in dubiosem Auftrag von ihren letzten Tagen, und auch mit der Entführung der beiden Mädchen ist es anders, als es zunächst scheint.

Die Mädchen sind von einer mythischen Aura umgeben, Engeln gleich, sind sie bisher durchs Leben geschwebt. Die eine, Bilés Nichte, steht seit ihrer Geburt im Rufe der Wundertätigkeit, und Farah berichtet nebenbei von den zahlreichen wundertätigen Kindern, die in den letzten Jahren zumal in den ärmsten Ländern die Hoffnung der afrikanischen Massen weckten. Berühmte Fälle solcher »besonderen Kinder« werden aus Tansania, Somalia, Ruanda, Uganda und Zaire berichtet. Sherift ist etwa »ein Junge aus Tansania, von dem es heißt, er habe bei seiner Geburt gesungen. Und zwar: ›Es gibt keinen Gott außer Allah.‹« Mittlerweile ist Sherift herangewachsen, und wohin er kommt, wird er auf Sänften getragen, er rezitiert stundenlang die schönsten Verse des Korans, die Frauen fallen in Ohnmacht, wenn sie ihn hören, die Männer brechen in Tränen aus – und Staatspräsidenten, etwa vom Senegal und vom Kongo, haben ihn mit allen Ehren empfangen.

Raasta, Bilés Nichte, ist ein Engel anderer Art. Ihre Anwesenheit verleiht Schutz, »die Leute glauben, wer sich in ihrer Nähe aufhalte, sei vor den Gefahren des Bügerkriegs gefeit«. Von ihr geht die Kunde, sie habe sich im Schoß ihrer Mutter so rasch entwickelt, »daß sie zur Zeit ihrer Geburt schon völlig erwachsen« war. Nuruddin Farah, der Dante und Sigmund Freud zitiert, erzählt die Geschichte des wundertätigen Kindes ohne jede distanzierende Ironie, was nicht heißt, dass er dessen Kult selbst verfallen wäre. Hier, wie sonst nicht oft, hält er sich vielmehr mit Kommentaren zurück. Und so steht am Ende einer hoffnungslosen, deprimierenden Geschichte so etwas wie eine prekäre Utopie: dass auch Somalia in den Frieden finden könnte, wenn es sich nur von den armen, den freien Kindern des Asyls führen ließe.

Bis es so weit ist, muss aber noch vieles geschehen. Jebleeh spürt an sich selbst, wie ihn die »Herrschaft des Pronomens« im Innersten erschüttert hat. Ganz Somalia steht unter dieser Herrschaft, die nicht nur die große Politik, sondern jede kleine Entscheidung des Tages bestimmt. »Wir« oder »sie«, das ist es, was ein jeder sich in dem zerstörten Land fortwährend fragen muss. Mit wem immer man es zu tun bekommt: ist er einer der »unseren« oder einer von »ihnen«? Die Leute, unentwirrbar wie Clans eben sind, wissen es oft selber nicht. In einem Roman schonungsloser afrikanischer Selbstkritik zeigt Nuruddin Farah, dass es Hoffnung für Somalia nur geben kann, wenn es nicht mehr um »wir« oder »euch« geht, sondern die Menschen wagen können, »ich« zu sagen und ihre Existenz nicht als Mitglieder von Clans, sondern als Individuen zu führen.

LinksRomanNuruddin FarahBelletristikEnglischBuchSuhrkamp Verlag2005Frankfurt a. Main24,80363A. Tanner
 
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