Farah erzählt weitschweifig, mitunter erläutert er, was er zuvor erzählt hat, in diskursiven Passagen, und nicht eben zurückhaltend versetzt er das Geschehen mit Symbolen. Da kreisen ewig die Geier über der ausgebrannten Stadt, auf deren Straßen sich schwer bewaffnete, von Drogen berauschte Jugendliche den Spaß machen, auf vorbeihuschende Menschen zu schießen, was sie bei jedem Treffer jubeln lässt, als hätten sie bei einer Computersimulation eine Spielfigur abgeknallt. Der äußere Handlungsgang wird von einer doppelten Suche bestimmt: von Jebleehs Suche nach dem Grab seiner Mutter – und der nach den zwei Mädchen, die aus Bilés Asyl entführt wurden. Natürlich geht Jebleeh auch hier meistens in die Irre, Leute, die seine Mutter gar nicht kannten, berichten ihm in dubiosem Auftrag von ihren letzten Tagen, und auch mit der Entführung der beiden Mädchen ist es anders, als es zunächst scheint.

Die Mädchen sind von einer mythischen Aura umgeben, Engeln gleich, sind sie bisher durchs Leben geschwebt. Die eine, Bilés Nichte, steht seit ihrer Geburt im Rufe der Wundertätigkeit, und Farah berichtet nebenbei von den zahlreichen wundertätigen Kindern, die in den letzten Jahren zumal in den ärmsten Ländern die Hoffnung der afrikanischen Massen weckten. Berühmte Fälle solcher "besonderen Kinder" werden aus Tansania, Somalia, Ruanda, Uganda und Zaire berichtet. Sherift ist etwa "ein Junge aus Tansania, von dem es heißt, er habe bei seiner Geburt gesungen. Und zwar: ›Es gibt keinen Gott außer Allah.‹" Mittlerweile ist Sherift herangewachsen, und wohin er kommt, wird er auf Sänften getragen, er rezitiert stundenlang die schönsten Verse des Korans, die Frauen fallen in Ohnmacht, wenn sie ihn hören, die Männer brechen in Tränen aus – und Staatspräsidenten, etwa vom Senegal und vom Kongo, haben ihn mit allen Ehren empfangen.

Raasta, Bilés Nichte, ist ein Engel anderer Art. Ihre Anwesenheit verleiht Schutz, "die Leute glauben, wer sich in ihrer Nähe aufhalte, sei vor den Gefahren des Bügerkriegs gefeit". Von ihr geht die Kunde, sie habe sich im Schoß ihrer Mutter so rasch entwickelt, "daß sie zur Zeit ihrer Geburt schon völlig erwachsen" war. Nuruddin Farah, der Dante und Sigmund Freud zitiert, erzählt die Geschichte des wundertätigen Kindes ohne jede distanzierende Ironie, was nicht heißt, dass er dessen Kult selbst verfallen wäre. Hier, wie sonst nicht oft, hält er sich vielmehr mit Kommentaren zurück. Und so steht am Ende einer hoffnungslosen, deprimierenden Geschichte so etwas wie eine prekäre Utopie: dass auch Somalia in den Frieden finden könnte, wenn es sich nur von den armen, den freien Kindern des Asyls führen ließe.

Bis es so weit ist, muss aber noch vieles geschehen. Jebleeh spürt an sich selbst, wie ihn die "Herrschaft des Pronomens" im Innersten erschüttert hat. Ganz Somalia steht unter dieser Herrschaft, die nicht nur die große Politik, sondern jede kleine Entscheidung des Tages bestimmt. "Wir" oder "sie", das ist es, was ein jeder sich in dem zerstörten Land fortwährend fragen muss. Mit wem immer man es zu tun bekommt: ist er einer der "unseren" oder einer von "ihnen"? Die Leute, unentwirrbar wie Clans eben sind, wissen es oft selber nicht. In einem Roman schonungsloser afrikanischer Selbstkritik zeigt Nuruddin Farah, dass es Hoffnung für Somalia nur geben kann, wenn es nicht mehr um "wir" oder "euch" geht, sondern die Menschen wagen können, "ich" zu sagen und ihre Existenz nicht als Mitglieder von Clans, sondern als Individuen zu führen.