Tätowierung ist eine kompromisslose Form der Kommunikation. Tätowierung verknappt intime Gefühle, die Zeichen auf der Haut lassen sich schwer löschen, zurück bleiben mindestens Narben. Und Tätowierung war lange Jahre die Kunst der Unterschicht. Das Bürgertum zeigte sich bis vor kurzem relativ resistent; in der Aristokratie griff jedoch schon um 1900 eine regelrechte "Tätowierwut" um sich. Da gab es etwa diesen Sutherland Macdonald am Picadilly Circus in London, der zahlreiche Fürstlichkeiten bemalen durfte und viele Geschäftsreisen unternahm, denn zu seinen Kunden gehörten neben König Edward VII. von England auch Zar Nikolaus und der Sultan von Johore. Macdonald war für sein leuchtendes Grün berühmt; man nannte ihn auch den "Michelangelo der Tätowierung".

Vermutlich hat sich die junge Engländerin Sarah Hall von ihm inspirieren lassen. Der zweite Roman der in Amerika lebenden Hall heißt Der elektrische Michelangelo, er war auf der Shortlist des Booker-Preises und breitet auf vierhundert Seiten ein absonderliches Leben aus: Zunächst begleiten wir Cyril Parks, einen 1907 geborenen Jungen, durch seine vaterlose Jugend in Morecambe, einem für seine weiche, ja nahezu medizinische Luft berühmten Kurort an der Nordwestküste Englands. Die Mutter, eine warmherzige und unabhängige Feministin, betreibt dort ein Hotel für die Lungenkranken der Schwerindustrie. Und Cyril, so zeigt sich bald, verfügt neben dem Weitpinkeln noch über ein anderes Talent: das Zeichnen.

Das Schicksal will es, dass der bescheidene und höfliche Junge eine Lehre bei einem misanthropischen Tätowierer namens Eliot Riley beginnt, der nach dem frühen Krebstod der Mutter zu einem Ersatzvater wird. Der Umzug vom Hotel in die Tätowierstube gerät zum Übergang in ein Reich aus Schönheit, Schmerz und Sex: Jetzt ist Schluss mit mütterlichem Soft-Feminismus, von nun an regiert die pure Männlichkeit.

Der streitsüchtige Meister genießt zwar einen Ruf als Trunkenbold, doch in seiner Werkstatt verwandelt er sich zu einem Bernini am lebenden Körper, einem genialen Graveur und Bildhauer, berühmt für seine Schwarzschattierungen. Riley unterrichtet Cyril aber auch im Erzählen, denn das gehört zum Beruf wie Nadel und Tinte. Riley erzählt, um seine Tätowierungen an den Mann zu bringen, er erzählt aber auch, um den Schmerz erträglicher zu machen. Das Wortgeplänkel beherrscht Riley wie "die Verkäufer auf der Promenade, die den vorbeiflanierenden Menschen ihre Waren feilboten, nur besser, detaillierter, maßgeschneidert, so als sei ein vielzüngiger Dämon in den Erzähler gefahren". Als Riley stirbt, geht der junge Mann nach Amerika, nach New York, ins Paradies der Tätowierer.

Im zweiten Romanteil lässt Sarah Hall ihren Helden sich also neu erfinden. Es ist der sattsam bekannte Neue-Welt-Klassiker: "Er würde sein eigener Herr sein. Er würde ein neues Leben anfangen, das Beste aus seinem alten Leben nehmen und es modernisieren." Cyril nennt sich von nun an "der elektrische Michelangelo", trägt langes Haar und einen Ohrring. Er eröffnet eine kleine Tattoo-Bude in Coney Island, dem von Mythen umrankten Riesen-Erlebnispark an der Küste Brooklyns – dem proletarischen Morecambe ist das gar nicht so unähnlich, nur dass der Wahnsinn der Bewohner hier "schillernder, intensiver und ausgedehnter war, weil sie die Freiheit dazu hatten, weil dies eben Amerika war".

Hier sieht Cyril allerlei Kuriositäten und Sonderlinge und verliebt sich schließlich in eine besonders sonderliche Frau, Grace, die in Coney Island Kunststücke aufführt – auf einem außergewöhnlich stattlichen Pferd, das in ihrer kleinen Wohnung lebt. Zu einer Beziehung wird es zwischen der osteuropäischen Migrantin Grace und Cyril aber nicht kommen. Letztlich sind alle Protagonisten in Sarah Halls Roman Außenseiter und Monaden, entweder liebesgeschädigt oder beziehungsunfähig.

Grace’ Körper aber wird zur Sixtinischen Kapelle des elektrischen Michelangelo. Mit einer fast schon postmodernen Taktik will die Artistin um die Macht über ihren Körper kämpfen und lässt sich von Cyril gut hundert grüne Augen überall auf die Haut tätowieren. Der Körper wird von nun an den geilen Blicken der Männer antworten, selbst von Grace’ Brustwarzen blicken grüne Augen zurück auf den Betrachter. Die Augen-Tattoos sind als Voyeurismus-Killer so erfolgreich, dass am Ende ein religiöser Fanatiker auf ganz unpostmoderne Art den Körper von Grace zum realen Schlachtfeld macht. Auch bei der Beschreibung dieses Säureattentats beweist Hall ihre morbide Neugier für das Schmerz- und Ekelpotenzial des Körpers, seitenweise kann sie sich am Abstoßenden in all seinen Schattierungen delektieren.