BelletristikIm Stau

Peter Stephan Jungk erzählt eine pathetische Vater-Sohn-Geschichte, und das sehr gut von Jochen Jung

Mutter ist das erste Wort in diesem Roman, und das ist typisch Mutter. Ständig drängt sie sich vor, hinein, auf, und so hat sie es immer schon gemacht. Sie weiß alles, und sie weiß alles besser, und sie weiß auch, wie sehr sie ihren Mann und ihren Sohn damit an sich bindet.

Was sie nicht weiß – wohl aber ihr Autor –, das ist, wie sehr sie damit dem Leser auf die Nerven geht. Der darf nämlich Mutter und Sohn in einen kapitalen Stau begleiten, in den sie auf dem Weg von New York zu ihrem Wochenendhaus jenseits des Hudson am Lake Gilead geraten sind. Normalerweise brauchen sie für diese Strecke eine Stunde, jetzt sieht es ganz so aus, als ob sie nie dahin gelangen würden.

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Heiß ist es, Durst haben sie, Toiletten gibt es auch nicht, und Mutter kommentiert all das und das Verhalten ihres Sohnes dazu. Der steckt offenbar in einer Art Lebensstau, und das scheint ihm auch zu dämmern.

Als er die stehende Blechlawine verlässt und an das Geländer der zwei Kilometer langen Brücke über den Hudson getreten ist, nachdem man ihm schon zurufen wollte: Lass sie doch endlich stehen, diese Mutter – da sieht er unten im Wasser des Hudsons, parallel zur Brücke und riesig, den nackten, ausgestreckt liegenden Leib seines Vaters.

Das ist nicht die Art von Vater, die man einfach lieben muss

Ob Sie das jetzt richtig verstanden haben? Ja, Sie haben. Und während der Sohn Schritt für Schritt die Brücke und also den Vaterkörper entlanggeht, stürzt die Erinnerung an den im Jahr zuvor Gestorbenen mit einer solchen Gewalt des Verlusts und der nachgerufenen Liebe auf den Sohn nieder, wie wir es noch in keinem der zahllosen Vaterbeschwörungsbücher je gelesen haben.

Nein, Gustav – so heißt der Sohn – ist nicht stark, in keiner Hinsicht, hingegen der Vater, Wissenschaftler und Autor, war mehr als das: Er war berühmt, und er war geradezu lebensgierig. Auf seinen Konferenz- und Vortragsreisen betrog er seine Frau nach Strich und Faden. Der über Sechzigjährige nahm sich, was er bekam, Hauptsache, die Frauen waren unter vierzig. Wenn das nicht genügte, versorgte er sich mit pornografischem Material, das Gustav später in Plastiksäcken entdeckte. Noch als er sechzehn war, hatte er die Sonntagmorgen artig im Pyjama im Bett zwischen seinen nackten Eltern verbracht. Das und manches mehr gibt einem so gar nicht das Gefühl, dass das die Art von Vater ist, den man einfach lieben muss.

Der Kampf des Erinnerns gegen das Vergessen

Muss man auch nicht; Gustav aber tut es. Denn dieser Vater, der da unten wie ein Riegel quer zum wegströmenden Fluss liegt und Gustav zugleich Kopf und Herz zu sprengen droht im Kampf des Erinnerns gegen das Vergessen, dieser Vater, der zwar klug, aber kein kluger Vater war, dieser Vater war das Leben selbst: egozentrisch und nicht steuerbar, allgegenwärtig und doch sich entziehend, überwältigend und nicht zu bewältigen, mit offenen Armen auf einen zukommend und im nächsten Augenblick erdrückend. Zu viel für Gustav, für den leicht etwas zu viel wird im Leben, und wir schlottern mit ihm, als er in den Limbus des kalten Wassers zu seinem Vater hinabsteigen will.

Denn spätestens jetzt müssen wir die Tatsache, dass es sich hier um eine jüdische Familie handelt, ernst nehmen. Die agnostischen, aufgeklärten Eltern und der den wiederentdeckten Glauben in der Erfüllung seines Reglements anerkennende Sohn, eine solche Konstellation muss zu mehr Spannungen führen, als den Familienbanden lieb sein kann, zumal Gustav auch noch mit einer strenggläubigen Jüdin verheiratet ist. Als er sich daher am Ende entschließt, seinem Gott mitzuteilen, dass er denn doch nicht ganz bei ihm bleiben und ein paar Grenzen überschreiten wird, hinter denen vielleicht sein eigenes, selbst verantwortetes Leben beginnen könnte, da liest sich das wie eine späte Genugtuung des schrecklichen lieben Vaters.

Solche Beziehungen, wie Peter Stephan Jungk sie schildert, passen in keine Kiste, sprengen sie vielmehr. Es ist gewiss eine pathetische Geschichte, die Jungk hier erzählt, und zwar gut erzählt. Aber sie ist nicht pathetischer, als unser Anspruch an die Literatur sein sollte.

Die Reise über den HudsonBelletristikRomanPeter Stephan JungkBuchKlett-Cotta2005Stuttgart19,50220
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