Kritik in Kürze: Turiner Totentanz

Es gibt zwei Sorten von Altherrenprosa; die einen flüchten sich in die Erotik, die anderen ins Misanthropische. Michael Krüger nun, wie könnte es anders sein, balanciert fein auf der Grenze dazwischen.

Seine Turiner Komödie ist Lebensbilanz und Abrechnung – es geht um die nachgelassenen Worte des genialischen, arroganten, verlorenen Rudolf, Professor, Schriftsteller und Selbstmörder; es geht um Worte aus jenem Jenseits, das die Literatur ist; es geht um jenen Hass auf die Bücher und das Schreiben und all das, diese Art von Hass, die von Liebe nicht mehr wirklich zu unterscheiden ist.

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Sehr elegant und altmodisch lässt Krüger seinen Erzähler in der Wohnung, im Leben und in den Lügen seines toten Freundes herumspazieren. Die beiden sind Veteranen jenes deutschen Literaturbetriebs, den Rudolf genug verachtete, um als begnadeter Sonderling zu gelten; der Erzähler war dafür nicht mutig oder nicht verlogen oder hochmütig genug und landete im Mittelmaß. Jetzt ist er aus Deutschland nach Turin gekommen, weil er sich um Rudolfs Vermächtnis kümmern will. Er kramt in Kladden und Kartons, er trinkt Barolo und hört Beethoven, er begegnet dem alten Hund Cesare und drei Frauen – und der Abgrund, der sich da vor ihm öffnet, ist natürlich sein eigener. Am Ende rettet er, was er retten kann. Die Erinnerung. Da ist er ganz egoistisch.

"Rudolf behauptete", heißt es am Schluss des Buches, "sein Schreiben sei im Grunde nichts anderes als der Versuch, sich selbst von der Illusion zu befreien, ein Schriftsteller zu sein. Man muß so lange schuften, bis man hundertprozentig weiß, daß man kein Schriftsteller ist. Leider geben die meisten vorher auf. Nur aus der Asche der Zerstörung des Schriftstellerberufs kann ein Schriftsteller hervorgehen." Krüger lässt seine Figuren zärtlich in dem Sumpf aus Text und Subtext versinken, seine Sätze haben einen leichten, angenehm bitteren Nachgeschmack, und die Pointe dieses etwas angejahrten akademischen Kabinettstücks ist von ironischer Bosheit: Dem Leben entkommen wir; der Literatur nicht. Georg Diez

Die Turiner KomödieBelletristikRomanMichael KrügerBuchSuhrkamp Verlag2005Frankfurt a. M.16,90192
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