Mindestens 700 neue Kriminalromane werden Jahr für Jahr im deutschsprachigen Raum veröffentlicht, etwa 400 stammen aus deutschen Federn, rund 300 werden übersetzt. Mindestens ein Fünftel des Umsatzes der Belletristik wird mit Krimis erzielt, Tendenz steigend. Crime sells. Und fesselt.

Insbesondere ist es das Spiel der Fiktion mit der Angst, die den Kriminalroman aktuell macht. Dabei zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab. Der Feind, das Böse, das Bedrohliche rücken näher.

Lange Zeit waren Serienkiller à la Hannibal the Cannibal das Mainstream-Thema der Kriminalliteratur. Serienkiller sind Verwandte der Aliens, Godzillas und anderer Monster aus nichtmenschlichen Territorien, die über uns kommen wie die sieben Plagen über die Ägypter. Sie sind außermenschliche Menschen, die von irgendwo hinter dem Horizont alltäglicher Lebensbewältigung kommen, ihre Blutspur durch die Vorgärten der Zivilisation ziehen, geschnappt werden und wieder verschwinden. Schaudernd haben wir in den Abgrund geblickt und treten erleichtert zurück: Serienmörder sind in Wirklichkeit sehr selten.

Ungleich intimer, gewalttätiger, verstörender besetzen Kindermord, Kindesmissbrauch, Kinderhandel und Kinderpornografie die kollektive und individuelle Gefühlswelt. Kein Thema hat die Kriminalschriftsteller in letzter Zeit stärker beschäftigt. Hier kommt der Feind nicht von außerhalb der Zivilisation, sondern aus dem Innern der Gesellschaft und stößt dorthin vor, wo wir am verletztlichsten sind, am Herzen, in der Sorge um unsere Kinder. Der Täter kann Vater, Mutter, Erzieher sein, im Umkreis geschändeter Kinder wächst blitzschnell der Verdacht zur Verdächtigung aller. Im Umgang mit Kindsmord offenbart sich der Gefühlszustand einer Gesellschaft.

In Reggie Nadelsons Russische Verwandte entwickelt ein alter, verbrauchter Detektiv, besoffen, verzweifelt, eine fast schon globale Theorie: "Seiner Meinung nach hing der Anstieg bei den Verbrechen an Kindern mit der Angst zusammen, die überall herrschte; man konnte es sehen, die Leute gingen zwar ihrem Alltag nach, aber in Gewaltausbrüchen gegenüber Kindern zeigte sich die Angst." Der Fall spielt in New York nach dem 11. September 2001. Kriegsangst, Trauer und Wut über die Ohnmacht der Einzelnen angesichts der hereingebrochenen Katastrophe beherrschen die traumatisierte Metropole.

Wenn die Kinder in Gefahr sind, werden friedliche Väter zu Furien wie in Harlan Cobens Keine zweite Chance. Ein Mädchen wird getötet in Friedrich Anis letztem Tabor-Süden-Roman Süden und der Mann im langen schwarzen Mantel, weil sie einen Pfarrer beim Onanieren überrascht hat. In Robert Wilsons Romanen um den Sevillaner Chefinspektor Javier Falcón hält ein Geheimbund verschworener Kinderschänder die regionalen Machtstrukturen zusammen – wie in der immer noch nicht restlos aufgeklärten Affäre um den realen Marc Dutroux. Es sind Kindersoldaten, Kinderprostituierte, Kindersklaven, die sich in Doris Gerckes Schlaf, Kindchen Schlaf! auf einen Kreuzzug begeben, weil sogar die Menschen- und Kinderrechtspolitiker sie verraten haben. Und Astrid Paprottas Die Höhle der Löwin, einer der besten deutschen Krimis des Jahres, endet mit der Beschwörung: "Paß auf Deinen Jungen auf!"

Panisch, erschreckt, irregulär zuckt der Puls der Zeit, den diese Kriminalromane tasten. Es ist eine zeitdiagnostische, aber selbst zutiefst verunsicherte Literatur. Der klassische Rätselkrimi einer Agatha Christie, mit dem die Bücher ihrer avancierten Nachfolger aus Unkenntnis immer noch verwechselt werden, wirkt dagegen wie ein albernes Pfänderspiel. Selbst die Spannung generierende Frage "Wer war’s?" spielt eine immer geringere Rolle. Wie in Fred Vargas’ großartigem Roman Der vierzehnte Stein sind es die übermächtigen Phobien, die schreckerstarrte Einsamkeit des an sich selbst zweifelnden Individuums, die im Gedächtnis bleiben, nicht die brillante Auflösung, die bei einer Autorin von diesen Graden selbstverständlich ist.