Belletristik Heute ist fast jeder Krimi mehr als ein KrimiSeite 3/3
2005 war ein Krimijahr wie selten eines. Die Aus- und Spätlesen, von denen bisher die Rede war, erforschen die Albträume unserer Zeit. Der Genre-Schematismus der frühen Jahre, der auch seinen Reiz hatte, ist längst einer Vielfalt der Formen und Mixturen gewichen. Wer heute noch glaubt, einen Krimi loben zu können, weil er eigentlich viel mehr sei als ein Krimi, weiß nicht, wie viel der Kriminalroman längst ist.
Seine Erzählstruktur lockt. So versuchen sich neuerdings auf den »Dunklen Seiten« des Nymphenburger Verlags etliche Romanciers und sogar ein Lyriker wie Uwe Kolbe am scheinbar Leichten – um doch meist an den spezifischen Herausforderungen wie Figurenzeichnung, Plotkonstruktion und Erzählstruktur auf ihre Grenzen zu stoßen. Neben dieser Krimischreibbewegung vom vermeintlichen Literatur-oben her wächst dem Krimi auch von anderswo so manches Selbstgebastelte, aber auch viel kraftvoll Neues zu. Neben dem nimmermüden Regionalkrimi, der sich nach und nach in sämtliche Täler und Tiefen verzweigt, wächst bei den Herren die Lust am Politthriller, jetzt hat sogar Eifel-Jacques Berndorf einen passablen vorgelegt. Und bei den Damen verfolgen Christine Lehmann und Elisabeth Herrmann jeweils ganz eigene Wege des galligen Gesellschaftsromans; Leonie Swann ist mit ihrem Krimidebüt sogar höchst amüsant und geistreich unter die Schafe gegangen.
Mit anderen Worten: Es gibt ein reiches Krimileben jenseits von Donna Leon und Henning Mankell. Um dieses zu fördern, wählt seit April dieses Jahres eine 18-köpfige Kritikerjury monatlich die zehn besten Kriminalromane und veröffentlicht sie als »KrimiWelt-Bestenliste«. Und nun kündigen gleich zwei Verlage – der stern und die Süddeutsche Zeitung – dem hungrigen Publikum neue preiswerte »Krimibibliotheken« an. 2006 wird ein heißes Jahr.
- Datum 08.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 08.12.2005 Nr.50
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