Aber ein dunkler Fleck glitt über den Sternenhimmel, alle merkten es, das Gelächter erstarb. Es war nicht wirklich Besorgnis, sondern eine seltsame Traurigkeit, die nichts Menschliches mehr hatte, denn sie enthielt weder Tapferkeit noch Hoffnung. So warten Tiere auf den Tod. So sehen die im Netz gefangenen Fische den Schatten des Fischers vorbeiziehen." Sommer 1940. Zu Tausenden fliehen die Franzosen vor dem Einmarsch der Deutschen in Paris. Schwer beladen mit ihrer hastig zusammengerafften Habe, verknäulen sich Fußgänger, Autos, Fahrräder und Karren zu dichten Pulks, bis die Ausfahrtsstraßen verstopft und die Tanks leer sind. Nichts geht mehr – und plötzlich die fremden Flugzeuge, die über den Köpfen ihre tödliche Last abwerfen.

In dem zweiteiligen Roman Suite française von Irène Némirovsky liegt der Tod stets auf der Lauer. Seine bedrohliche Präsenz verändert die Menschen, reißt ihnen die Masken vom Gesicht und entblößt ihre atavistischen Wurzeln aus Angst und Lebensgier, aus Rohheit und Zynismus, manchmal sogar aus etwas wie Liebe und Mitgefühl. Oder er lässt sie ganz still werden, reduziert sie auf ihr kreatürliches Sein, dem Unvermeidlichen ergeben. Selbst im zweiten Teil des Buches mit dem lieblichen Titel Dolce, in dem sich – ein Jahr später – die anfängliche Eiszeit zwischen Dorfbewohnern und den bei ihnen einquartierten Soldaten in ein recht bekömmliches Tauwetter aufgelöst hat, weht nach Augenblicken der Harmonie, nach zarten Glücksgefühlen oder einem "Hauch von Vergnügen" sein eisiger Atem. So endet der Roman am 1. Juli 1941 mit dem Abzug des deutschen Regiments nach Russland – mitten hinein in die Hölle des Krieges.

Das Buch Suite française ist über sechzig Jahre alt. Irène Némirovsky, russisch-jüdische Emigrantentochter, schrieb es während der deutschen Besatzung unter Lebensgefahr und im Wettlauf mit der ihr noch verbleibenden Zeit. Zwangsisoliert auf dem Land, ohne Geld und Publikationserlaubnis und durch die Judenverordnungen zur Paria degradiert, wird ihr das Schreiben zum einzig möglichen Fluchtort – ist es doch ohnehin ein vertrautes Asyl von Kindesbeinen an, wenn Angst und Verlorenheit übermächtig wurden. Jetzt jedoch bietet es keinen Schutz mehr vor der mörderischen Gegenwart: "…möge es ein Ende nehmen, ob im Guten oder im Bösen!" notiert sie am 3. Juli 1942. Und wenig später berichtet sie einem Freund: "Ich denke, es wird ein posthumes Werk werden. Doch auf diese Weise vergeht die Zeit."

In trotziger Verzweiflung entwirft sie ein groß angelegtes Epos über ihre eigene Epoche, deren Beginn sie gerade erleidet und deren Ende sie nicht erleben wird. Eine fünfteilige Romanfolge soll es werden, nach dem Kompositionsprinzip der Suite arrangiert und rhythmisch "im kinematographischen Sinn" erzählt. Doch sie kann nur noch Sturm im Juni und Dolce vollenden, die nun erstmals 2004 in Frankreich veröffentlicht und mit dem Prix Renaudot ausgezeichnet wurden. Am 13. Juli holt die Gendarmerie sie aus ihrem Haus in Issy-l’Évêque ab. Vier Tage später wird sie nach Auschwitz transportiert, wo sie am 17. August im Alter von 39 Jahren stirbt. Ihr Mann, Michel Epstein, der vergeblich versucht hatte, sie zu retten, teilt im November ihr Schicksal. Zurück bleiben die beiden Töchter, die dreizehnjährige Denise und die fünfjährige Élisabeth, die Irène Némirovsky in die Obhut einer Pflegemutter gegeben hatte. Sie wurden bis Kriegsende in einem katholischen Pensionat und später in diversen Kellern bei Bordeaux versteckt. Wohin auch immer sie flohen, stets nahmen sie einen Koffer mit, voll gepackt mit Erinnerungsstücken, Familienpapieren und – dem letzten Manuskript ihrer Mutter. Erst Jahre später wagte sich Denise an dieses in winziger Schrift abgefasste Textkonvolut und entzifferte mit der Lupe den hier vorliegenden Roman.

Der Leser erlebt das Vergangene, als geschähe es jetzt

Auch in der unvollendeten Form ist Suite française ein großer literarischer Wurf von beeindruckender Erzählkraft. Auf fast 450 Seiten entfaltet Irène Némirovsky ein vielschichtiges Gesamttableau über die ersten zwölf Monate der deutschen Besatzungszeit in Frankreich vom Sommer 1940 bis Juli 1941. Mit den Mitteln des Films und vor allem der Musik, mit Klangbildern und Geräuschen gestaltet sie eine multimediale Sprachkomposition, deren sinnliche Dichte den Leser unmittelbar ergreift, sodass er in die Vergangenheit eintaucht, als geschähe sie hier und jetzt vor seinen Augen und Ohren. Und dann im Großformat die Hauptakteure des Erzählwerks: Wie mit einem Zoom zieht die Autorin sie dicht zu sich heran, schlüpft in sie hinein und beschreibt aus dieser subjektiv verzerrten Perspektive Partikel der Wirklichkeit.

Ihr Einblick in die inneren Beweggründe ihrer Protagonisten befreit sie weitgehend von Bewertung oder gar moralischer Entrüstung. Ausnahmen sind jedoch "die geschwätzigen, gefühlsduseligen alten Frauen", die in Gestalt von Müttern und Schwiegermüttern den blühenden Töchtern ihre Schönheit und Jugend neiden und ihnen die Liebe missgönnen. Kommunikation zwischen den Generationen ist nicht möglich: "Jedes Gesprächsthema ähnelte einem Dornengestrüpp."