Ich werde mich nun also ins Jenseits aufmachen", sagt die Stimme im Kopfhörer des Schriftstellers Kogito. Dann ertönt ein lauter Knall. "Aber ich breche das Gespräch mit dir nicht ab", fährt sein Freund Gorô fort. Das Gespräch geht weiter, auch nachdem er sich in den Tod gestürzt hat. Der Filmregisseur hat Bänder hinterlassen, die Kogito auf einem altmodischen Kassettenrekorder abhört. Dessen käferförmiger Kopfhörer hat auch den Titel der Übersetzung dieses Romans inspiriert: Tagame ist der japanische Schildkäfer. Aus dem Zwiegespräch mit dessen tönendem Abbild entwickelt sich eine Geschichte von Freundschaft und Tod, von der Zerbrechlichkeit des Menschen, den Wandlungen der Seele und von den Schatten, die Kogito seit seiner Jugend verfolgen. Es ist zugleich eine Geschichte vom Altwerden jener kritischen japanischen Intellektuellen der Nachkriegszeit, zu deren führenden Repräsentanten der 1935 geborene Oe zählt.

Nach der hermetischen Trilogie Grüner Baum in Flammen bietet Tagame. Berlin – Tokyo eindrucksvolle Blicke in den Kosmos Kenzaburo Oes. Die Gestalten des Romans haben reale Vorbilder. Kogito, seine Frau Chikashi und sein geistig behinderter Sohn Akari sind Inkarnationen der Familie Oe, die den Literaturnobelpreisträger seit seinem Roman Eine persönliche Erfahrungen (1964) schon durch viele Bücher begleitet haben. Vorbild Gorôs ist der auch im Westen erfolgreiche Regisseur Juzo Itami (Tampopo), der wie im Roman von japanischen Mafiosi attackiert worden war und 1997 Selbstmord beging, nachdem die Klatschpresse ihn wegen einer Affäre an den Pranger gestellt hatte. Und die Hundert Tage Quarantäne, mit denen Kogito Abstand vom Tod seines Freundes und Schwagers sucht, reflektieren Oes Berliner Gastprofessur im Wintersemester 1999.

Bei so viel Wirklichkeit bleibt der Literatur wenig Raum, könnte man meinen, aber Oes sehr persönliches, manchmal geradezu unliterarisch wirkendes Erzählen zielt auf das, was im Leben schwer und nie ganz zu fassen ist. Da liegt ein Mann nachts in seiner Bibliothek, umgeben von den schweigenden Reihen seiner Bücher, lauscht der Stimme eines Toten, drückt bisweilen die Pausetaste, um ihm zu antworten. Man fühlt sich an Samuel Becketts Einpersonenstück Das Letzte Band erinnert, dessen Held Krapp freilich Aufzeichnungen der eigenen Stimme, der Stimme seines jüngeren Ichs lauscht. Abwesendes wird hier gegenwärtig. Grenzen zwischen Tod und Leben, Vergangenheit und Gegenwart werden durchlässig. Ein Raum tut sich auf, in dem man mit Kogito eine unsterbliche Seele vermuten kann.

Kenzaburo Oe hat Romanistik studiert, und so war ihm bewusst, dass er sich mit seinem Protagonisten Kogito auf das Cartesianische "cogito, ergo sum" einließ. Seine Intellektualität und seine Kenntnis der westlichen Geistesgeschichte aber ist gebrochen durch das Zusammenleben mit seinem behinderten Sohn Hikari, dessen Geburt im Jahre 1963 einen Wendepunkt im Leben und Schreiben Oes markierte, auf den auch Tagame sich bezieht. Das Ergebnis ist eine ernsthafte, hochgradig reflektierte Naivität, mit der Oe seine Welt und sein Leben einer fortwährenden literarischen Revision unterwirft.

Ein Fixpunkt sind die Erlebnisse des Halbwüchsigen in der Nachkriegszeit, die Oes literarisches Alter Ego mit seinem Freund Gorô teilt. Kurz vor seinem Tod hatte der Regisseur einen Film konzipiert, in dem er verarbeiten wollte, was er und Kogito unter sich immer als "DIE SACHE" bezeichnet haben. Bald nach Kriegsende waren die Jugendlichen in einem abgelegenen dôjô, einer Art nationalistischem Trainingslager, homosexuell belästigt und gedemütigt worden, indem man sie in die vor Fett und Blut triefende Haut eines frisch geschlachteten Kalbs einhüllte. Jahrzehnte später hatten Attentäter Kogito mehrfach den Fuß zerschmettert. Gorô, der die japanischen Yakuza in einem seiner Filme kritisch beleuchtet hatte, war bei einem Überfall schwer verletzt worden, und möglicherweise war auch sein vermeintlicher Selbstmord ein Werk organisierter Krimineller.

Manch ein geschäftstüchtiger Verleger wäre wohl wahnsinnig geworden angesichts der Beiläufigkeit, mit der Oe solche dramatischen Ereignisse in seinen Roman einfließen lässt. Aber seine unspektakuläre Annäherung an verdrängte Aspekte der eigenen und der japanischen Geschichte ist Oes Art, Abstand zu gewinnen. Dazu zählt auch seine subtile, allgegenwärtige Ironie, denn in weiten Teilen der eigentlichen Romanhandlung liegt eben ein grau gewordener Schriftsteller in seiner Bibliothek auf einer Pritsche und disputiert mit seinem Kassettenrekorder. Kein Wunder, dass ihn seine Frau zur Rede stellt – "mit der für sie typischen Vehemenz", wie es so schön heißt.

Kogitos "Quarantäne" im Rahmen der Samuel-Fischer-Gastprofessur ist also auch dem Umstand geschuldet, dass ältere Schriftsteller, die unüberhörbar mit toten Freunden sprechen, den häuslichen Frieden gefährden. "Jedenfalls ist es kaum zu ertragen, wenn eure Stimmen von oben direkt in mein und Akaris Zimmer dringen", sagt seine Frau Chikashi. "Als tropfe Wasser durch ein Bambusgeflecht." Sein Berlin-Aufenthalt aber gewährt Kogito nicht nur Abstand, sondern verleiht Gorôs Schicksal auch einen neuen Aspekt.