Selbst sein Auto driftet ins Mediokre. Die japanische Sportlimousine will mit ihren vier Türen als Familienkutsche durchgehen. Lieber fährt Georg von Heuken da schon den Geländewagen, der seinem Selbstgefühl entspricht. Hanns-Josef Ortheils matter Held der gehobenen Mittellage, von dem und von dem aus in den Geheimen Stunden der Nacht erzählt wird, pflegt sich mit Ironie gegen seine eigene Mittelmäßigkeit und die Welt abzudichten, deren Zustand er sich aus Zeitungsglossen erschließt. Ein origineller Denker ist dieser von Heuken wirklich nicht, dessen Kaltstart vom "Patriarchenableger" zum Konzernchef einer Verlagsgruppe der Roman verfolgt. Ein Herzinfarkt zwingt seinen Vater, den Altverleger, handlungsunfähig aufs Krankenlager. Die Suhrkamp-Situation ruft Georg von Heuken, seinen ältesten Sohn, der bisher auf Standby gestellt war, in die Puschen. Darum geht es.

Im Kampf mit seinem Bruder um die anstehende Nachfolge, den – heikel genug – die Schwester entscheiden soll, kann der Biedermann sich dabei zumindest seine Kaufmannsnatur zugute halten. Und dass er weiß, "wo man richtige Anzüge kauft". Wahrscheinlich ist indessen, dass er dabei an Peek & Cloppenburg denkt. Auch ansonsten fällt ihm ja immer nur das Naheliegende ein, Bilder von Edward Hopper, französische Filme, wenn etwas unter Poesieverdacht steht, Dürer im Angesicht alter Frauen. Bei Jana, seiner in Prag geborenen Vorzimmerdame, wird fast folgerichtig Milan Kundera bemüht. Schaut er durch das Fenster auf eine menschenleere Straße, die Männer mit fliegenden Mänteln queren, erinnern diese ihn "allesamt" an Franz Kafka.

Einem geschäftstüchtigen Jungverleger-Manager ("Caspar & Cuypers"), der sich bestimmt fühlt, einen Konzern zu übernehmen, kann man die Prosecco-Metaphorik wohl auch nicht übel nehmen. Aber weil Georg von Heuken allzu offensichtlich die Sprechpuppe seines mit den Affekten spielenden Erfinders abgibt, fällt sie schon ins Gewicht. Man kann nicht umhin, das Verfehlen der Augenhöhe für ein Programm zu halten. Hanns-Josef Ortheil, als Professor für kreatives Schreiben und Kulturjournalismus auf Marktbeobachtung spezialisiert, pflegt ohnehin einen Hang zur Pose und Paraphrasierung. Sein neues Werk aber ist ein beinahe beflissen auf Beachtung spekulierender Schlüsselroman über die Buch- als Profitbranche geworden – und eine unverhohlene Martin-Walser-Karikatur.

Der Held ist Martin Walser bis ins Detail nachgedichtet

Immerhin hat Ortheil Selbstironie. Selten, dass sich einer so ungeschützt an einer literarischen Vaterfigur ausagiert. Ganz nebenbei zeichnet sich in dem auf Entzifferung von Klarnamen hin angelegten Epos einer Kölner Verlegerfamilie aber auch gleich noch das Porträt von Ortheils Generation der um die 50-Jährigen ab – ein wehleidiger Haufen, der in Machtfragen erhebliche Verspätung hat. Der Schlachtruf dieser Ergrauten heißt "Abwarten!", bis sich die alten Helden barfuß in ledernen Schuhen in ihre Gärten zurückziehen und die Nachfolge als freundliche Übernahme antreten können. Den Segen dafür holt man sich bei diesen unerschütterbaren Trümmeroptimisten am besten in frisch geputzten Budapestern ein, um sich nicht eine Rüge einzufangen.

Ortheils polemische Sondierung im eigenen Literatur- und Generationslager ist nicht übermäßig gelungen. Das an manchen Stellen – zum Beispiel, wenn es um die Gegebenheiten im Verlagswesen geht – sogar steife Werk tendiert wie der Mazda seines Helden entschieden ins Unentschiedene: zu brav als Skandalwerk, zu grob als Ironisierung, zu flach, um als Relief der Nachkriegsgeschichte durchzugehen. Eindrucksvoll allerdings ist der Abkanzlungsfuror, mit welchem die Rollenprosa den Canettis (überschätzt), Bölls ("reinster Kölscher Kokolores"), Houellebecqs ("Sachen, die den Sauerländern noch die Sprache verschlagen") und den schon von ihrem ersten "Nutella-Brot" faszinierten "jungen Autoren" begegnet.

Richtig ins Hämen gerät das Buch indes erst angesichts von Wilhelm Hanggartner ("er hat eine ihm ergebene Frau, mehrere Kinder, einen Hund und zu allem eine Meinung"), der mit erheblichem Aufwand als lächerlicher Poseur, Erotomane und literarischer Blender bloßgestellt wird. Paust sich in von Heukens Verleger-Vater, der "Prachtexistenz eines virilen Mannes mit rotem Schal, den es nach Champagner verlangt", das Vorbild Siegfried Unselds durch, ist Wilhelm Hanggartner Martin Walser bis hin zu den struppigen Augenbrauen, den jüngsten Werken und den stilistischen Idiosynkrasien nachgedichtet.