Was tut man, wenn jemand Geliebtes stirbt? Wie verbringt man die Stunden danach? Die erste Nacht? Dann, wenn noch keine Zeit verstrichen ist, die Kategorie Rückblick noch nicht existiert. Wenn nur Tod ist: Diesen Moment fängt Angelika Overath in Nahe Tage. Roman in einer Nacht ab.

Johanna, knapp 40, hatte die im Krankenhaus sterbende Mutter eine Woche lang begleitet: an ihrem Bett gesessen, gemeinsam mit ihr atmend den Weg zurück ins Leben zu beschwören versucht. Nun hat die Mutter den letzten Atemzug getan und damit – wie es scheint – den ersten markanten Schritt ihrerseits von der Tochter weg. Johanna verlässt das Krankenhaus, den Wäschesack der Mutter in der Hand, und realisiert erst in deren Wohnung, dass sie die Wäsche auch hätte fortwerfen können. "Doch wenn sie an den Mülleimer dachte, überfiel sie die seltsame Gewissheit, dass es dieses Schmutzige war, das sie band. Konnte sie etwas wegwerfen, in dem sich noch das Warme, das Feuchte, das Gelebte des Körpers hielt?" Johanna wird schlecht. Aber sie wird die Wäsche nicht wegschmeißen. Sie wird sie waschen und bei ihr wachen.

Angelika Overath, Essayistin, Literaturkritikerin und Kisch-Preisträgerin, erzählt die Geschichte einer Symbiose zwischen Mutter und Tochter, der ein – dem Wäschesack ähnlicher – quälend intimer Geruch anhaftet. Es ist spannend zu verfolgen, wie sich die Nacht zum Erinnerungsraum einer ganzen Kindheit dehnt; wie gestreckte und gestaute Zeit ineinander geflochten werden. In Johanna ersteht das so enge wie despotische Mutterreich aus rosa Alpenveilchen, Wachstüchern und im Sonderangebot gleich doppelt gekauften Trevira-Pullovern wieder, in dem auf lange Zeit hinaus die Einsamkeit einer Einzelkind-Tochter fixiert worden war. Wo ein Kind, eine Jugendliche allnachmittäglich mit der Mutter bei Marillenknödeln oder Mohnbuchteln das Leben besprochen, wo diese sich noch im Alter von zehn den Po nicht selbst geputzt hatte.

Warum war das so gewesen? Weil die Mutter eigentlich in Böhmen geblieben war, wo sie herkam, und keine andere Zeit, keine Welt und keine Leut’ ins festgefrorene "Zuhaus" hineinließ. Weil der Vater dieser starren Wucht nur ein fragiles Wesen, ständig wechselnde Arbeitsplätze und halbherzige Selbstmordversuche entgegenzusetzen hatte.

Bei so viel "Zuhaus" war freilich nie ein Zuhause entstanden. Wo derart liebesautoritär vergangene Zeit über Gegenwart gestellt wird, kann nicht einmal Kindheitsfrische bestehen: Sie muss eintrocknen und härten. Kindheit, Kindlichkeit sterben langsam, nach innen, denn alle erstickenden Kräfte sind ja als Wärme codiert, als Liebe und Aufmerksamkeit, kommen ungetrennt und untrennbar daher von dem, was ein Kind wirklich braucht. In dem Maße, in dem es in dieser Mutter-Kind-Beziehung um fortgesetzte unerhörte Intimitätsverletzung ging, ist die Erinnerung von Ekel und Groll gezeichnet.

Wer aber ist die Frau, die aus dieser Kindheit hervorging und hier und heute davon erzählt? Hat sie sich je aufgelehnt? Tut sie es jetzt? Sie hat weder Partner noch Kinder. Sie wurde der Mutter untreu, als sie ihren Beruf nicht bei der Kreissparkasse suchte. Aber ihre Verbindung zur Mutter blieb eng genug für tagtäglich-alltägliche Telefonate. So weit die dürren Informationen.

Hier scheint jemand immer noch eingeschlossen in seine Klage – die denn auch viel weniger eine Toten- als eine Lebensklage ist. Und die dort, wo sie die mütterliche Regelwelt herunterbetet, auch Ärger provoziert: Warum treibt so viel Aggressivität dicht unter der Textoberfläche, ohne je zum Gegenstand der Reflexion zu werden? Haben wir es doch nicht mit einem subtil geschichteten, mit Ironie, Andeutung, Vieldeutigkeit arbeitenden Text zu tun, sondern mit einem sehr eindimensional zu lesenden, der auch das mächtige poetische Pathos nicht scheut: "Aber die flammende Angst … begleitete sie auf dem sausenden Fahrrad und noch in den hohen Wellen wie früher ihr aufjubelnder Sopran." Mitunter nimmt Angelika Overath ihren Gedanken die Kraft, weil sie Emotion provoziert, die falsch investiert scheint; weil sie bewegende Momente übererklärt, bis diese in der Dehnung banal werden.