Die Lektüre von Inka Pareis neuem Buch ist das so ziemlich genaue Gegenteil von dem, was man gemeinhin unter Vergnügen versteht. Es ist die ungeheuer exakte literarische Wiedergabe einer Lebenssituation, von der man verschont zu bleiben hofft: alt sein in Einsamkeit und Krankheit. Dass man dieses Buch liest, und zwar voller Aufmerksamkeit liest, ist vielleicht schon ein Beweis dafür, dass es beim Lesen eigentlich nicht ums Vergnügen geht, sondern um Vergrößerung der Welt: Lesend eignet man sich Erfahrungen an, die außerhalb der eigenen und gegenwärtigen Reichweite liegen; Erfahrungen, die insofern wohlfeil sind, als sie nicht die eigene Lebenszeit, die eigene Gesundheit oder auch nur die entsprechenden Anstrengungen kosten. Wenn man also die erzählende Literatur unter dem Aspekt der existenziellen Faulheit betrachtet, verschafft Inka Parei ihren Lesern mit der vergleichsweise geringen Anstrengung einer Lektüre von knapp 170 groß bedruckten Seiten eine eindrucksvolle Grenzerfahrung.

Ein alter Mann, einer von denen, die Marcel Reich-Ranicki gewiss nicht zu den interessanten Roman-Protagonisten zählen würde, hat von einem anderen alten Mann, an den er sich nicht mehr erinnern kann, ein Haus in einer fremden Stadt geerbt. Darin befinden sich eine Metzgerei, ein mieses Hotel und Wohnungen mit wenig sympathischen Mietern; davor ein asphaltierter Parkplatz. In diesem Haus wohnt er nun, der Postbeamte a. D., mit niemandem zur Gesellschaft als einer unzugänglichen Krankenschwester vom Pflegedienst und seinen Erinnerungen.

Die Beine sind dick, und er quält sich mit den Treppen. Auf seinem Teller bleibt ein angebissenes Leberwurstbrot liegen. Er schläft schlecht und hört beunruhigende Geräusche. Er friert. Er schwitzt. Der Rücken schmerzt, das Gehen fällt immer schwerer. Er macht ins Bett. Das Atmen fällt schwer. Man weiß, wie es enden wird. Die Erinnerung spielt ihm Streiche.

Die immer wieder umkreiste, nur in Fragmenten greifbare Erinnerung an etwas, das im Krieg geschehen sein muss, ist die Klammer des Romans: Seine Handlung liegt eigentlich in der Vergangenheit, die in ihrer Rätselhaftigkeit das Interesse des Lesers wachhält und die der erbärmlichen, leeren Gegenwart symbolträchtige Bedeutung gibt: ein undurchsichtiger Hotelgast, der, eingeschlossen, nachts lärmt; der Metzger, der sich im Keller mit einer Kiste zu schaffen macht, in der sich eigentlich nur eine Leiche befinden kann; die Überzeugung des Alten, einen Terroristen vom Fahndungsplakat erkannt zu haben. Das Ganze spielt, wie sich man aus Anspielungen zusammenreimen kann, im Herbst 1977.

Auch die seltsamerweise vergessene Beziehung zum Vorbesitzer des Hauses hat mit dieser Vergangenheit zu tun: Der Mann war ein Kriegskamerad – aber welcher? Welche Erlebnisse haben die beiden geteilt? Gesagt wird es nicht.

"Er sah es wie etwas, das er übersehen hatte, das er hätte beseitigen müssen. Etwas, das von einem imaginären Rand, dem Rand seines Daseins, zu ihm hineinragte." Die Sprache, diese ungemein differenzierte, vielschichtige Sprache, deren sich Inka Parei bedient, gibt preis, was nicht erzählt wird. "Beseitigen": die Wortwahl setzt sofort die entsprechenden Assoziationen frei, über das "hineinragen" am Ende eines schlangenhaften, kreisenden Satzes entsteht das Gefühl einer irrationalen Bedrohung.

Die Menschenschlächterei des "Dritten Reiches" ist in der deutschen Literatur ein, wenn nicht gar das Produktionsmittel des künstlerischen Mehrwerts schlechthin geworden. Dabei geht es weniger um Moral als um etwas, das – ex negativo – größer ist als das der amtierenden Schriftstellergeneration bekannte Leben im Wohlstand: Es geht um die nie gemachten, aber nachdrücklich überlieferten Erfahrungen von Gefahr und Schuld und Tod.