Als 2004 die Autobiografie des rumänisch-jüdischen Schriftstellers Norman Manea in deutscher Übersetzung unter dem Titel Die Rückkehr des Hooligan erschien, musste dieser Titel deutschen Lesern völlig unverständlich bleiben, verwies er doch auf den Titel einer Broschüre, die ein anderer rumänisch-jüdischer Schriftsteller, Mihail Sebastian, bereits 1935 herausgebracht hatte, wobei, um die Verwirrung vollständig zu machen, auch deren Titel Wie ich zum Hooligan wurde, schon auf den eines anderen kurz zuvor herausgekommenen Romans anspielte, nämlich Mircea Eliades Die Hooligans.

Um Fußballrowdys ging es bei alledem nie, aber doch um jugendliche Gewalttäter, deren "bis zur Grausamkeit gehende Rücksichtslosigkeit" und "krasse Amoralität" Eliade in seinem Roman als neues Lebensgefühl verherrlicht hatte. Etwas von diesem Lebensgefühl war wohl bei André Gide angelesen, inzwischen tobte es sich aber längst realiter in Rumänien als der Hooliganismus jener Jugendlichen aus, "die jederzeit bereit waren, Fenster und Köpfe einzuschlagen, Synagogen auszurauben oder Bücher zu verbrennen" (zu dieser Einsicht gelangte Eliade freilich erst in seinen 1980 publizierten Erinnerungen 1907–1937).

Aus diesen Hooligans rekrutierte sich die "Eiserne Garde" des Klerikalfaschisten Corneliu Codreanu, in dessen Lehre sich ein religiös verbrämter Kult des Martyriums und des Todes mit Ultranationalismus, Antisemitismus und Terrorismus verband. Süchtig nach diesem Giftgebräu war in den dreißiger Jahren eine ganze Generation junger Intellektueller, angefangen mit Emile Cioran, der 1936 sein ganz dem Ungeist Codreanus verpflichtetes Buch Die Verklärung Rumäniens veröffentlichte, bis hin zu Mircea Eliade, der damals nicht nur ein Bewunderer Hitlers, Francos und Salazars war, sondern in der der Eisernen Garde nahestehenden Presse auch völkisch-rassistische Ungeheuerlichkeiten schrieb, an die er sich später, als international renommierter Religionswissenschaftler, nicht mehr gern erinnern lassen wollte. Es war Norman Manea, der noch 1992 heftige und teils unverblümt antisemitische Angriffe auf sich auslöste, als er in Rumänien seinen Essay Felix culpa – Erinnerung und Schweigen bei Mircea Eliade publizierte (nachzulesen in Maneas Essayband Über Clowns, Edition Akzente, Hanser Verlag).

"Raserei gehörte damals zur Tagesordnung – und sie nahm konkrete Gestalt an in Eliade", äußerte 1978 Emile Cioran in einem Gespräch, in dem er sich und Eliade als "ehemalige Gläubige, Gläubige ohne Religion" apostrophierte. Vor dieser Raserei bewahrte den im selben Jahr 1907 wie Eliade geborenen und mit Eliade wie Cioran gleichermaßen befreundeten Mihail Sebastian schon sein Judentum, obwohl er längst kein Gläubiger mehr war. Wenn aber Sebastian der "Rhinozerisierung" seiner Freunde nicht verfiel – Eugène Ionesco, ein weiterer Freund Sebastians, brachte mit seinem Theaterstück Die Nashörner die rumänischen Erfahrungen jener Jahre auf den Punkt –, wenn Sebastian vielmehr zunehmend in die Rolle des Opfers gedrängt wurde, wie kommt es dann zum Titel seiner Broschüre Wie ich zum Hooligan wurde? Die Antwort bringt noch einen charismatischen Verführer ins Spiel, Nae Ionescu, Professor für Logik und Metaphysik an der Universität Bukarest, der sich als Student in Deutschland einst an Nietzsche, Lebensphilosophie und Mystik berauscht, aber angeblich auch Ministern der Münchner Räterepublik Reden geschrieben hatte. Jetzt zählte er sowohl Eliade und Cioran wie auch Sebastian (den er schon als Gymnasiasten in der gemeinsamen Heimatstadt Braila für sich "entdeckt" hatte) zu seinen Schülern und Freunden, denen er großzügig auch ein publizistisches Forum in der von ihm herausgegebenen Zeitung Cuvântul bot. Obwohl Nae Ionescu in seinen Vorlesungen Sympathien für die Eiserne Garde erkennen ließ, blieb er, der so etwas wie eine rumänische Melange aus Oswald Spengler und Carl Schmitt mit einem Schuss balkanischem Schmierenkomödiantentum gewesen sein muss, auch für Mihail Sebastian eine Art Lichtgestalt. Wie sonst lässt es sich erklären, dass er Nae Ionescu um ein Vorwort zu seinem ersten Roman Seit 2000 Jahren bat, in dem ein junger Jude, der weder Zuflucht bei der Orthodoxie noch beim Zionismus findet, aber die Indifferenz der Assimilierten auch nicht erträgt, seine Erlebnisse zwischen 1923 und 1933 protokolliert?

Als Ionescus Vorwort schließlich bei ihm eintraf, kam es für ihn, wie er Eliade bekannte, "einem Todesurteil gleich", und dennoch wagte er nicht, es zurückzuweisen. Nae Ionescu hatte sein Vorwort als Plattform für einen krassen antijudaischen Ausfall benützt, indem er dort erklärte, das Leiden der Juden sei kein Ergebnis rassistischer Diskriminierung, sondern "von derselben Notwendigkeit wie die Tatsache, dass die Winkelsumme des Dreiecks 180 Grad beträgt". Infamerweise sprach Ionescu dabei Mihail Sebastian immer persönlich und mit seinem wirklichen, seinem jüdischen Namen Iosif Hechter an: "Iosif Hechter, du bist krank, weil du nicht anders kannst als leiden (…) Der Messias ist schon gekommen, und du hast ihn nicht erkannt. Iosif Hechter, fühlst du nicht, wie dich Kälte und Dunkelheit umfangen?"

Bukarest war damals wirklich das Paris des Ostens

Wie furchtbar Mihail Sebastian Kälte und Dunkelheit fühlt, bezeugt sein Tagebuch, das im Februar 1935 einsetzt, als Sebastian 27 Jahre alt ist und gerade mit seiner Broschüre Wie ich zum Hooligan wurde gegen alle Angreifer seines von Nae Ionescu skandalisierten Romans hochironisch und sarkastisch polemisiert. Es sind nicht nur Gegner von rechts – diese haben den von Ionescu angeschlagenen Ton teils noch verschärft, so schreibt etwa Petru Manoliu: "Mihail Sebastian muß daran gehindert werden zu atmen!" –, sondern es sind auch jüdische Gegner, die Sebastian verübeln, dass er mit seinem Roman Nae Ionescu die Möglichkeit einer solchen Attacke gab.

Bukarest, das in diesem Tagebuch bis zuletzt faszinierend präsent ist, schon weil Sebastian alles andere als ein Einsiedlerleben führt, Bukarest macht damals seinem Namen als "Paris des Ostens" alle Ehre. Es bietet gesellschaftlichen und intellektuellen Glanz – da der Staat rasch eine Elite schaffen will, gibt es 50000 Studenten! –, ein phänomenales Theater- und Musikleben (mit allen großen Interpreten der Welt), und es ist so etwas wie ein Schmelztiegel aller Geistesströmungen aus West und Ost, wobei der Kampf zwischen Individualismus und Kollektivismus hier bereits entschieden ist. Codreanu, dessen Eiserne Garde zwischenzeitlich verboten wurde, gründet 1935 als Nachfolgeorganisation die Partei "Alles für das Vaterland", welche die Ausschaltung von Juden und Ungarn aus Wirtschaft und Verwaltung forciert und in den Folgejahren für viele politische Morde und Pogrome verantwortlich ist.

Sebastians Tagebuch spiegelt den rasanten Verfall demokratischer Strukturen und zivilisierter Sitten in einem Land, in dem der Antisemitismus zwar immer schon eine Konstante war, jetzt aber virusartig auch die Intelligenz befallen hat, so nahezu ausnahmslos alle Freunde Sebastians, die sich in seiner Gegenwart kaum mehr Zurückhaltung auferlegen. Nachdem rechtsradikale Studenten den Rektor der Universität von Iasi mit Messern zerstückelt haben, meint Eliade, "er, Mircea Eliade, hätte sich nicht damit begnügt, sondern Herrn Gogu auch noch die Augen ausgestochen. Alle, die eine andere Politik als die Gardisten vertreten, sind Volksverräter und haben das gleiche Schicksal verdient."

Derartiger Entsetzlichkeiten sind viele in Sebastians Tagebuch festgehalten, und es gehört mit zu Sebastians Tragik, dass er sich von seinen alten Freunden nie ganz befreien kann. So bleibt ihm Eliade, auch als dieser offen faschistisch agitiert und dafür mit Posten an den Botschaften in London, Lissabon und Madrid belohnt wird, stets "der erste und letzte Freund". Die Erinnerung an eine besonnte Vergangenheit, in der Eliades spätere Frau Nina in Eliades Studentenmansarde die Manuskripte beider Freunde abtippte und man sich zusammen betrank, ist stärker als die gespenstische Gegenwart (auch in Eliades Erinnerungen 1907–1937 beschwört ein Kapitel Die Rückkehr in die Mansarde und zeichnet ein liebevolles Porträt Sebastians). Sogar Nae Ionescu gegenüber bleibt Sebastians Haltung ambivalent, mehr bewundernd als ablehnend, auch wenn dieser ihm die Mörder der Eisernen Garde, die tagtäglich auch Sebastian massakrieren könnten, als fromme Mitleidstruppe schönredet: "Zwischen einem Menschen, der dich aus Hohn und Spott ermordet, und einem, der dasselbe voll innerem Schmerz tut, besteht ein großer Unterschied!"

Weil Mihail Sebastian die sich steigernden antisemitischen Maßnahmen der Regierung des Marschalls Antonescu minutiös registriert, von der Erhöhung der Mieten für Juden bis zur Enteignung ihrer Immobilien, der Beschlagnahme ihrer Radiogeräte – für den musiksüchtigen Sebastian ein besonderer Schlag – und Einziehung ihrer Telefone und Fahrräder, sogar ihrer Wäsche und Schuhe, bis hin zu den Berufsverboten für Anwälte und Lehrer (Sebastian war beides, Anwalt und Lehrer) und den ständigen Razzien und Deportationen, hat man Mihail Sebastian in den USA und England (wo sein Tagebuch zuerst erschien) einen "rumänischen Victor Klemperer" genannt – und Philip Roth hat Sebastians Tagebuch gar mit dem Anne Franks verglichen. Aber solche Vergleiche greifen viel zu kurz, bildet die Chronik des Schreckens doch nur einen Teil dieses Tagebuchs, das darüber hinaus auch ein journal intime, ein Traumtagebuch, ein Kriegstagebuch und vor allem ein literarisch-intellektuelles Tagebuch in der Nachfolge von André Gide und Jules Renard ist (dessen Tagebuch zu Sebastians Lieblingslektüre zählte), also Brutstätte und Entwicklungslabor für Sebastians Theaterstücke und Romane und Ort der Reflexion über Kultur und Politik.