Mit den Beatles hatte ich als früh ausgewiesene Verdi-, Puccini-, Mahler-, Schönberg-, Miles-Davis-Ornette-Coleman- und sogar Mozartfachkraft zeitlebens nicht gar zu viel zu tun, außer dass ich den Film Help! von 1965 damals partout nicht so doll und wegweisend witzig finden wollte wie alle anderen; und dass ich die charmante Piece Lovely Rita, meter maid im Jahr 1969 ausschließlich deshalb als LP der von mir verehrten Koloratursopranistin Rita Streich schenkte, weil es sonst keine passable Opern- oder Lied-Rita gibt, und wenn, dann hätte sie die ja doch sicher selber weggesungen.

Um so befugter äußere ich mich hier und heute 40 Jahre später und aus gegebenem Anlass über die Beatles, nämlich über die Texte ihrer Liedchen, wissend wohl, dass diese, wie ihre Musik, ab den frühen sechziger Jahren schon hundertfach elogiert und ausgedeutet worden sind, im Sternzeichen überwältigender Pietät, ja Sakrosanz – und doch, wer weiß: nicht adäquat. Wohl wurde früh bereits erkannt und gewürdigt, dass erst mit John Lennons Beatles-Songtexten Shakespeares Sonette wie Keats Oden, Shelley, Yeats, Drinkwater, Coleridge, Wordsworth und Lord Winterbottom d. Ä. im spiritualisierten Verein so recht zu sich selber gefunden haben. Dies ist so weit bekannt und seit spätestens 1963 kanonisch. Der wortmelodiöse Duktus etwa von Revolution, dito Help oder aber eben Imagine evoziert bekanntlich die harmonistischen Assonanzen der Renaissance-Lyrik wie die oft mehr disharmonischen Konkordanzen der viktorianischen Romantik, er konkludiert Moderne mit antizipierter Postmoderne, indem er deren hochpoetische Katachresen als stupend kataraktische Katastrophen ins Archiv der nationalen wie der Weltpoesie katapultiert – allein, gerade die heutige Wiederbegegnung mit einem wortmagischen Artefakt wie Imagine illuminiert, wie wenig die geradezu sensationellen Analogien zu speziell deutschen Spitzenparadigmata komparatistisch bisher erkannt worden sind: "It’s easy if you try/No hell below us/Above us only sky/Imagine all the people/Living for today" – ist’s nicht wie ein Vor- oder immerhin Nachläufer von Heinrich Heines berühmtem lyrischem Merksatz man "überlasse den Himmel den Engeln und den Spatzen"? Perpetuiert das "and no religion too" (Strophe 2) richtiggehend hermetisch unsere deutsche Kontinuitiät Goethe-Schopenhauer-Nietzsche, so revoziert das signalhafte "no possessions" eine Strophe drunter fraglos Eichendorffs "Zwei Gesellen" – um endlich mit der solennen Zeile "A brotherhood of man/Imagine all the people/Sharing all the world nicht allein Schiller-Beethovens Freude schöner Götterfunken einzuholen und mithin auch die noch eindrucksvollere Neufassung Song of Joy; sondern auch wiederum das zu bestätigen, was eine im Deutschen geläufige Literaturgeschichte über Percy Bysshe Shelley bekundet: solch "anarchistischer Individualismus" finde sich "zum Glauben, dass alle Menschen Brüder seien".

Dass sich Imagine wie die "Lerche" in Shelleys gleichnamigem Gedicht shootingstarlike zum Himmel erhebt, bestätigt sein brillantes poetisches Idiom als Wortgefüge auf durchgehend ewigkeitlichem Niveau, welches von der pur klangschönen Lakonie des "It isn’t hard to do" bis hin zur visionär-ekstatischen Geniemetapher "I’m a dreamer" sich selber die Hand reicht; sowie – und das brachte denn doch noch kein deutscher Dichter ähnlich göttlich hin – in der beschwörenden Iteration von "World will be as one" zu schließlich "World will live as one" zu einer Steigerung an- und abhebt, vor deren admirabler artifizieller Power wir Dummgermanen dann aber doch besser die Waffen in Demut strecken.

Happy is England, wie schon John Keats (1795–1821) im gleichnamigen Gedicht als vision beata der nachmaligen Beatles preist, dass es einen derartigen Song dereinst als Gesamtkunstwerk hervorgebracht haben tut.

Von dem Satiriker Eckhard Henscheid erschien zuletzt "Die Nackten und die Doofen" , Zu Klampen Verlag