Am frühen Morgen stand eine Lateinklausur auf dem Stundenplan. Ich war in der 10. Klasse, Latein war mein Lieblingsfach – bis zu diesem Tag. Auf dem Schulflur guckte ich mir noch ein paar Vokabeln an, voller Vorfreude auf die nächste Eins als Fortsetzung einer sensationellen Latein-Einser-Serie. Dann tauchte ein Mitschüler auf und sagte: "Lennon ist tot, irgend so ein Wahnsinniger hat ihn erschossen." In dieser Sekunde wurden alle meine jahrelang aufgebauten Lateinkenntnisse gelöscht. "Wie? Wo?", brachte ich gerade noch hervor. "In New York, der kam gerade aus dem Studio oder wollte gerade ins Studio, weiß nicht." Mein zertrümmertes Hirn schwang sich zu einer heroischen Gegenrede auf: "Das ist doch alles Quatsch, was soll der denn im Studio, seine Platte ist fertig, ich hab mir die doch selber gerade gekauft." Beinahe hätte ich so noch, von Wolfsburg aus, John Lennon das Leben gerettet – aber ich selbst merkte, wie meine Argumente zu Staub zerfielen. Der Schulgong gongte, die Klausur begann, ich starrte mit feuchten Augen auf lateinische Sätze, die mir rein gar nichts sagten. Ich schrieb eine Sechs. Meine Lateinfähigkeiten haben sich davon nie wieder erholt. Zum Zeichen meiner Trauer knotete ich mir am Nachmittag ein schwarzes Band um mein linkes Handgelenk (ich glaube, es war ein Schnürsenkel). Ein paar Monate später nahm mich mein Vater mit zu meiner ersten Reise nach New York. Ich lief direkt vom Hotel zum Dakota-Gebäude am Central Park, machte den Knoten auf und befestigte das schwarze Band am schwarzen Eisengitter vor dem Eingang (dem Eingang). Danach ging es mir so langsam etwas besser.