Das mit der Prügelei stimmt gar nicht", sagt Gerhard Seyfarth und räuspert sich kurz. Die Sache ist dem Sprecher der Berliner Sektion der Wahlalternative Soziale Gerechtigkeit schon ein bisschen peinlich. Da war Parteitag, wichtige Dinge stehen auf dem Spiel, vielleicht gar die Zukunft der Linken in Deutschland, und in den Zeitungen steht hinterher nur, dass man sich bei der WASG prügelt. Dabei habe der Vorfall keine 25 Sekunden gedauert. Die Delegierten hatten erbittert darüber gestritten, ob die WASG wirklich mit der Linkspartei fusionieren könne, deren Berliner Ableger doch die Sparpolitik des rot-roten Senats mittrage. Da hatte ein Delegierter im Eifer der Debatte eine Drohgebärde gemacht, und ein anderer ist ihm in den Ellenbogen gelaufen.

Gab aber keine Verletzungen", sagt Seyfarth.Eigentlich hat er Übung darin, unhaltbare Stellungen zu halten: Er war immerhin 20 Jahre lang Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei West-Berlins – des westlichen Gegenstücks der SED. Und das war in der ummauerten Stadt ja keine Kleinigkeit. Aber der Streit um Einheit oder Spaltung der deutschen Linken, der sich an der Berliner WASG entzündet, setzt selbst dem im Ost-West-Konflikt gestählten Altgenossen zu: "Hier liegen die Nerven bloß."

Die Parteiführungen hatten schon alles abgemacht: Fusion von WASG und Linkspartei, vulgo PDS, bis Sommer 2007. Bis dahin wollten WASG und Linkspartei bei den Landtagswahlen des kommenden Jahres gemeinsam die erfolgreiche Strategie der Bundestagswahl wiederholen: nach Ost und West getrennt in den Wahlkampf marschieren und auf den Landeslisten vereint in die Parlamente einziehen. Auf ihrem Bundesparteitag, der am kommenden Wochenende in Dresden stattfinden soll, will die Linkspartei die letzten Weichen stellen, vor allem soll die Doppelmitgliedschaft für WASG- und PDS-Mitglieder eingeführt werden. "Wir sind gar nicht mehr frei darin, ob wir zusammengehen wollen oder nicht", hatte der Oberlinke Oskar Lafontaine die Richtung vorgegeben, "bei der Bundestagswahl haben vier Millionen Wähler gesagt: Wir wollen das."

Der Berliner WASG-Landesverband kann mit knapp achthundert Mitgliedern zwar keine so beeindruckenden Zahlen präsentieren. Aber es genügt völlig, wenn die Berliner ihre Drohung wahr machen, sich bei den nächsten Landeswahlen einer gemeinsamen Liste zu verweigern und gegen die PDS anzutreten. Dann wäre nicht nur die Glaubwürdigkeit des linken Projekts gefährdet, sondern aus wahlrechtlichen Gründen unter Umständen gar der Fraktionsstatus im Deutschen Bundestag.

Die Berliner WASGler verzeihen dem Senat nicht, dass er sich aus der Tarifgemeinschaft von Bund und Ländern verabschiedet hat. Wenn man sie fragt, woher die bankrotte Hauptstadt das Geld für ihren absurd aufgeblähten öffentlichen Dienst nehmen soll, haben die Metropolen-WASGler eine einfache Antwort. Die Konsolidierung des Haushalts aus eigener Kraft sei "ohnehin illusorisch", sagt Rouzbeh Taheri, lokales Vorstandsmitglied. "Es muss viel mehr Geld vom Bund fließen."

Dass die Berliner WASG die Einheit der deutschen Linken ernsthaft gefährden könnte, befürchtet indes niemand. Dennoch müssen die Spitzengenossen vorsichtig agieren: Wenn man die Lokal-Linken aus der Hauptstadt zu rabiat wegbürstet, könnten andere WASG-Landesverbände, zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt, die der Fusion ebenfalls skeptisch gegenüberstehen, in Brand gesetzt werden. Also haben sich die Parteispitzen auf einen Kurs voller Dialektik geeinigt: Härte zeigen und schmusen. Oskar Lafontaine droht den Berlinern unverhohlen, "Splittergruppen" seien bei einem Parteibildungsprozess zwar normal, "aber die müssen ihren Weg dann irgendwann allein gehen". Vom Ausschluss bis zum Verbot, den Parteinamen zu gebrauchen, so wurde intern bereits bedeutet, gebe es eine Reihe von Disziplinierungsmitteln. Gleichzeitig müht sich Klaus Ernst, WASG-Realo aus Bayern und Fraktions-Vize im Bundestag, um Verständnis für die Parteifreunde: "In der Regierung läuft man Gefahr, dass man sich gegen seine eigenen Mitglieder, gegen seine eigene Klientel stellt und Dinge machen muss, die man eigentlich gar nicht will."