klassik Die Hundert-Meter-Synchronsprinter

Andreas Grau und Götz Schumacher bilden ein Klavierduo, das perfekt und verständlich zugleich spielt

Die Sterne und die Sonnen drehen sich in entfesseltem Taumel. Gott ruft sie, und sie antworten: »Amen, hier sind wir!« Dann beginnt der Tanz der Verzückung, ein exaltiertes Schwingen und Kreisen, Wirbeln und Strudeln. Und ginge es nicht um das Amen in der Kirche, wäre es ein Bacchanal. Olivier Messiaen schrieb seine (»Sieben Visionen des Amen«) – eine Klangkathedrale für zwei Klaviere – 1943, just nachdem er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen war. Sein Weg, katholischer Verzückung durch Musik Ausdruck zu verleihen, ist obsessiv. Er hat ihn zu Klängen geführt, die trotz Dissonanzen und angereicherter Mixturklänge das Arioso anderer Sphären evozieren. Die Uraufführung gestaltete Messiaen selbst, zusammen mit seiner späteren Frau Yvonne Loriod, der er »die Akkordtrauben, alles, was Schnelligkeit, Anmut und Tonqualität ist«, in die Noten schrieb. Klassische Arbeitsteilung eines Paares. Wie überhaupt auffällt, dass die vierhändigen Klaviergemeinschaften entweder aus Geschwistern oder Eheleuten bestehen.

Eine Ausnahme bilden da die Pianisten Andreas Grau und Götz Schumacher, obwohl auch sie seit bereits 20 Jahren zusammen spielen. Anders ist die Telepathie des Zusammenspiels wohl auch nicht zu erreichen, denn bei keiner anderen Instrumentenkombination wird jede kleine Verzögerung als »klappern« so offenkundig. Trotzdem reicht Akkuratesse allein nicht, um sich von anderen Klavierduos abzuheben. Grau und Schumacher verfügen über souveräne gestalterische Fähigkeiten – es ist eine Lust, sich in den vibrierenden Kaskaden ihres Amen zu baden – und sie überraschen mit ausgeklügelten Programmdramaturgien. Dem Amen- Zyklus von Messiaen zum Beispiel haben sie Die sieben Worte von Heinrich Schütz vorangestellt (in einer fragmentierenden Umschrift von György Kurtág). Ein erhellender Gegenschnitt: Die gemessen schreitende Melodik des puritanisch-protestantischen Schütz findet in den thematischen Bässen des Katholiken eine Entsprechung.

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Auch das Album Variationen und Fuge überrascht: Aus der Zentralperspektive von Max Reger wird je eine Fuge von Mozart und Beethoven beleuchtet. Beide werfen ein Schlaglicht auf die Moderne. Mozarts Fuge c-moll KV 426 durch das Gedrängte, Kompakte. Beethovens Große Fuge op. 134 (besser bekannt in der Streichquartettfassung op. 133) durch Hypertrophie und fast schreienden Ausdruck. Gerahmt werden sie von Regers je halbstündigen Variationszyklen (mit Fuge) über Themen der beiden Klassiker. Auch hier Übersteigerung und Monumentalität, polyfone Hexereien und chromatische Aufladung. Sie verlangen den Klaviervirtuosen, der darüber hinaus die Läufe synchronisieren und dynamische Balance wahren muss. Das gleicht einem Hundert-Meter-Synchronspurt, bei dem die Läufer zusätzlich mit rohen Eiern jonglieren müssen. Grau und Schumacher schaffen das. Sie lassen alle Schwierigkeit vergessen, wenn sie spielen. Akkorde und Figuren fluten klangschön und verständlich, als seien sie das Natürlichste der Welt.

Die sieben Worte Olivier Messiaen: Sept Visions de l’Amen(col legno wwe 1cd 20105/harmonia mundi)Heinrich SchützBuchVariationen und Fuge – Werke von Reger, Mozart und Beethoven (col legno wwe 1cd 20108)BuchKurze Walzer – von Schubert, Brahms, Grieg, Hindemith, Rihm (col legno wwe 1cd 20103)Buch
 
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    • Quelle (c) DIE ZEIT 08.12.2005 Nr.50
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    • Schlagworte Max Reger | Klassik | Heinrich Schütz | Musik | Album | Pianist
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