Selten lacht sie, meistens raucht sie, oft in Schwarzweiß, den Hals im schicken Rollkragenpullover, gelegentlich etwas Lack… Die Bilder, die jetzt wieder auftauchen aus den Archiven, zeigen Hildegard Knef, wie die Nachwelt sie in Erinnerung behalten möchte: als Überwimpernträgerin im Pop-Op-Look, ausgestattet mit einem Mund, der die Schönheitsideale der Zeit verspottete. The lady is a vamp, the lady is a tramp, Berliner street credibility, die im befreundeten Ausland, wo sie sich vieles abschaute, Glamour erworben hatte, eine Frau, die ein guter Kumpel sein könnte, würde sie nicht letztlich doch an einem vorbeischauen, in die Sterne oder auf einen fernen Fleck im Bühnenhintergrund. BILD

Ein Star zum Anfassen war sie nicht, Hildegard Frieda Albertine Knef, trotz der zwei oder drei Dinge, die jeder über sie weiß. Erste Nacktszene der bundesrepublikanischen Filmgeschichte in Die Sünderin, von Berlin nach Hollywood, von dort an den Broadway und wieder zurück zwischen Brandmauern. Eher eine Selfmadewoman, die in prekären Spannungsverhältnissen zum hiesigen Durchschnittsgeschmack lebte und dabei ihre eigene Persona entwarf. "Die Knef" hat es vor der Knef nicht gegeben, auch nichts Artverwandtes, von "der Dietrich" einmal abgesehen, der Freundin und Antipodin. Wo Letztere sich in die Unsichtbarkeit zurückzog, betrieb Hilde Knef mit Skandalen und spektakulären Liftings Exhibition. Lange vor Big Brother lebte sie ihr Leben derart radikal öffentlich, dass am Ende, als sie bei sinkenden Einschaltquoten dieselben Geschichten wieder und wieder erzählte, alles über sie gesagt schien. Welch ein Irrtum.

Hätten Sie zum Beispiel gewusst, dass ein gewisser Miles Davis an einer ihrer ersten Produktionen beteiligt war? Dass sie zwei Jahre vor Marilyn den Cole-Porter-Song My Heart Belongs To Daddy einspielte? Dass ihre Karriere als Sängerin nicht, wie bisher angenommen, in den Sechzigern begann, sondern bereits 1951, noch auf Schellack? Zu erfahren ist dies im Begleittext zu ihrer jüngsten Werkschau, dem Herzstück einer postumen Knef-Offensive beispiellosen Ausmaßes. Pünktlich zum 80. Geburtstag am 28. Dezember gibt es noch einmal ihre größten Hits, werden, flankiert von Revuen und Ausstellungen, Original-Alben auf CD wiederveröffentlicht, selbst die Hamburger und Berliner Schulen des Pop haben sich zusammengetan und eine Femmage-CD erstellt: next generation’s Knef. Ein jubilarischer Eifer ist ausgebrochen, als hätten sie alle noch etwas gutzumachen an ihr, dem "Nachkriegsgesamtkunstwerk" (taz). Die Knef-Historie wird deswegen nicht neu geschrieben werden müssen, aber manches erscheint in einem neuen, gleißnerischen Licht.

Da wäre die frühe Phase, in der sie noch nicht Herrin ihrer Produktion war, im Fundus herumstocherte. Ein wenig Brel, ein wenig Brecht, eine ganze LP mit Tucholsky-Vertonungen, daneben Jazz-Standards und gehobene Unterhaltung, alles nicht sonderlich originell, doch spätestens von den Sechzigern an, in denen sie zur Autorin reifte, mit dem erkennbaren Willen gesegnet, auszutesten, was geht. Die Knef dieser Jahre: eine präpostmoderne Allround-Eklektizistin. Sie nutzte den Vorsprung, den ihre internationalen Erfolge ihr verschafft hatten, um den Deutschen zu erklären, wie man Chansons mit eigenen Texten singt oder "Dschässss". Dass ihr dafür sämtliche klassischen Voraussetzungen fehlten, macht die erzielten Resultate so großartig.

"Die größte Sängerin der Welt ohne Stimme" – Ella Fitzgeralds viel zitiertes Bonmot trifft es noch immer: Auf eine Interpretin wie die Knef hat niemand gewartet, als mondänes Geschöpf von eigenen Gnaden hat sie sich den Raum dafür einfach genommen, und Gesang war dabei ohnehin nur das eine. Man musste auch entsprechend rauchen können, publikumswirksam einen Typus performen. Dass sie in allerhöchsten Kreisen verkehrte, mit Willy Brandt befreundet war und Henri Nannen, dass sie mit ein wenig Hilfe des sterns und angrenzender Medien zur weltläufigsten Repräsentantin der sozialliberalen Ära aufstieg, ist ihren besten Sachen anzuhören. Mehr Knef wagen! Die Politik wandelte sich schließlich auch.

Also experimentierte sie, "ging mit der Zeit", zog sie sich die jeweils neuesten Beats an Land. Ihre Art, vom Diven-Territorium aus mit dem gesellschaftlichen Fortschritt zu kooperieren, erinnert heute weniger an Marlene Dietrich als an Barbra Streisand oder auch Cher. Und hat die Knefsche Manier, mit Produzenten umzugehen – sie heuerte sie, und feuerte sie bei Bedarf wieder –, nicht bereits etwas Madonnaeskes? Die eigentliche Sensation der diesjährigen Knef-Feierlichkeiten allerdings sind die beiden wiederveröffentlichten Alben aus den frühen Siebzigern, zeigen sie doch eine bislang nur echten Kennern geläufige Seite der Künstlerin: die psychedelische Knef. Nicht ganz vorn mitzumischen war ihre Sache nie, auf dem schlicht Knef betitelten Werk von 1970 explodiert nun endlich alles, was die weite Welt des Entertainments an formalen und technischen Verfahren bot, in einer halluzinogenen Orgie nie dagewesener Beat-Chansons. Überall schneidende Gitarren, ausufernde Orchestralpassagen, sogar Funk- und Disco-Rhythmen: Knef ohne Grenzen, Eclectic Ladyland.

Hans Hammerschmid, einer ihrer Hauskomponisten: "Es war quasi der Zeitgeist mit Hildes Möglichkeiten." Und nochmals legte sie nach, mit Worum geht’s hier eigentlich? von 1971, einer Kooperation mit den Les Humphries Singers. Auf Unterhaltungsbetriebstemperatur gebrachte Gospelchöre der Spät-Hippie-Ära heben den eisernen Willen, auf der Höhe der Zeit zu sein, auf ein Euphorieniveau, das nun wirklich flächen- und schichtenübergreifend demonstrierte, was es heißt, gut drauf zu sein. Warum die Platte damals unterging, ist ein Rätsel, so viel geballten Optimismus fürs Geld kriegte man sonst nirgends. Immer, wenn keine Steigerung mehr möglich scheint, kommen von irgendwo die Singers dahergeschmettert, und die Knef, obwohl doch im Grunde von melancholischer Verfassung, zieht mit. Die im Booklet dokumentierten Fotos zeigen eine aufgekratzte Mittvierzigerin, umgeben von einer zweckfrei fröhlichen Schar: Hilde Knef auf dem Gipfel ihrer Kunst und doch schon leicht over the top.