Joachim Kühn kann alles. Das ist sein Problem. Zumindest war es das lange Zeit. Er ist ein ungeduldiger, sprachmächtiger, überwältigender Improvisator, den seine Technik oft genug mit sich fortriss. Das hat bei der Herstellung des Unvorhersehbaren, also von Improvisation im Wortsinn, auch Methode, als Selbstüberlistung und Relativierung der rationalen Kontrolle. Der Hase und der Igel: Wo der Kopf hindenken will, sind die Finger schon. Kühn, der Alleskönner und gebürtige Leipziger, ist mit Klassik aufgewachsen, mit Bach zumal, er rauschte, nach seinem Wechsel in den Westen, bald ab in die freie Improvisation, drehte an den Feineinstellungen des Interplay in seinem Trio mit dem verstorbenen Jean-François Jenny-Clarke und mit Daniel Humair bis an die Grenzen des Parapsychologischen, warf sich auf elektronische Keyboards und Fusionsversuche, kehrte zurück zum akustischen Flügel und setzte sich dem nackten Diskurs im Duo aus, mit seinem Bruder Rolf ebenso wie mit Ornette Coleman. Wer als Hansdampf in so vielen Gassen zugange ist, gerät leicht in Verdacht.

Heute ist Kühns Kadenz an Novitäten noch immer beängstigend, aber sonst ist er dabei, eine neue Einfachheit zu entdecken. Auf der bemerkenswerten ersten CD einer neuen Piano-Solo-Reihe schlägt er einen kühnen Bogen von François Couperin (1669–1733) über Bachs Chaconne und Mozarts KV 622 (Klarinettenkonzert A-Dur: alles also keine Piano-Literatur) bis zu Coltranes Lonnies Lament, zwei Titeln von Ornette und zwei eigenen. Klassik wird nicht verjazzt, sie ist Ausgangspunkt für zwanglose, aber konzentrierte improvisatorische Nachdenklichkeit, und wenn Kühn im Booklet anmerkt, er wolle "hier nicht zeigen, wie gut er klavierspielen könne, sondern vielmehr Musik spielen", so ist das schon fast ein Paradigmenwechsel. Noch erstaunlicher nimmt er sich zurück in einer der merkwürdigsten Kooperationen der vergangenen Jahre: der mit dem libanesischen Oud-Spieler und World-Fusionisten Rabih Abou-Khalil (und dessen Perkussionisten Jarrod Cagwin). Frage an Radio Eriwan: Geht nun endgültig alles mit allem? Im Prinzip nein. Es sei denn, Musiker denken sich so in die gegenteiligen Positionen hinein wie Kühn und Abou-Khalil. peter ruedi