Gibt es eigentlich Migrantenpop, eine Art messbare Klanglichkeit zugewanderter Musiker in erster bis dritter Generation? Mattafix legen diesen Schluss nahe, da reicht bereits die Namensnennung der beteiligten Soundfrickler. Preteesh Hirji und Marlon Roudette, der eine Sohn indischer Eltern, der andere einer karibischen Mutter. Da klingelt’s doch: Banghra und Dancehall, Panjabi MC und Asian Dub Foundation, ein bisschen Attac, etwas Folklore, dazu Breakbeats und Getüftel und Schweiß. Und natürlich der Verweis des Labels auf den großen Stilmix. Als sei es irgendwie löblich oder gar außergewöhnlich, HipHop, Jazz, Blues, Reggae, Soul, Rock, House und Volksmusik zum saugfähigen Pop zu vermanschen.

All dies preist Virgin dennoch als Alleinstellungsmerkmal von Mattafix und ihrem schönen Debütalbum Signs Of A Struggle. Alles Quatsch, Mattafix machen ganz schlicht digitalisierte Musik unserer Zeit. Was nicht direkt aus dem Rechner kommt, wird über den Rechner eingearbeitet. Die Steeldrum, Roudettes analoger Beitrag zur Heimattümelei, ist bestenfalls Accessoire, seine Falsettstimme eine Pointe unter vielen, wenngleich eine hochinteressante, und es wird auch niemand ständig auf die Tanzfläche gescheucht. Das erinnert zwar an Massive Attack, doch der Vergleich ist kein Fälschungsvorwurf. Mattafix machen ihren eigenen, wundervoll zurückhaltenden Elektropop. Sie singen in Versen aus Ich und Du von Liebe oder London, vom Alltag also, der manchmal gegen sie ist. Und wenn in der Auskopplung Big City Life ein Satz wie "Don’t let the system get you down" fällt, bezieht er sich mehr auf den Mikrokosmos ihrer Metropole als auf antiglobalistische Kämpfe.

Nicht dass Systemkritik in der Musik fehl am Platze wäre; in The Forgotten wird sie sogar geübt. Aber nur zart, schließlich ist politische Haltung keine Frage der Herkunft, sondern ihrer Verarbeitung. Mattafix haben sie bestens verarbeitet. Persönlich und in 14 Songs, die ihre Beats als Untermalung verstehen, weniger als Anklagen. Wie Sven Regener meinte: "Wenn jemand Musiker ist, ist er nicht mehr dazu berufen, die Welt zu retten, als wenn er Klempner ist." Oder eben ein Migrant(enkind) wie Hirji oder Roudette, einfach zwei gute Bastler von irgendwoher.