Manch einer hat eben Glück. Ihr vorzeitiges Ableben bewahrte Malcolm X, Che Guevara und Rio Reiser davor, ihre Positionen allzu ausführlich mit den sich verändernden Realitäten abgleichen zu müssen. Chuck D. dagegen, der als Agitator für schwarze Selbstermächtigung, romantischer Revoluzzer und Stimme eines militanten Agit-Prop mitunter wie ein Surrogat aus diesen drei Figuren wirkte, muss sich nun im für einen Rapper etwas reiferen Alter von 45 Jahren damit herumschlagen, dass ihm die Gnade eines frühen Todes nicht widerfuhr. © [M]: Groove Attack BILD

Die Antwort des großen Vorsitzenden der HipHop-Eingreiftruppe Public Enemy auf die neue Weltordnung ist ein trotziges Beharren auf alten Gewissheiten. Auf New Whirl Odor werden die größten Erfolge aus zwei Jahrzehnten Bandgeschichte noch einmal neu abgemischt: Griffige Politslogans zu bollernden Beats, Verschwörungstheorien im Reimgewitter, Nachrichten aus Afroamerika als Kontrast zu Collagen aus Medienschnipseln, und ausgerechnet die Revolution bricht als verträumter Track mit Reggae-Einflüssen aus. Die Themen, Rassismus und Repräsentation, Kapitalismus und Kritik, sind ganz die alten, aber angesichts von Katrina und Krieg im Irak plötzlich so aktuell wie lange nicht. Public Enemy brauchten nur einzelne Namen (Bush) und Schlagwörter (Terrorist) zu ergänzen, schon war der altgediente Kanon wieder topaktuell. Nun taugt wieder jede zweite Zeile fürs Demo-Transparent: "Power to the people and the people want peace."

Militanz aber ging anders, damals. Heute träumt Chuck D. vom Himmel auf Erden, predigt die internationale Solidarität, und auf ihrer Website weisen Public Enemy brav sozialistisch auf den Internationalen Frauentag hin. So brachial sie sich musikalisch auch weiterhin geben mögen, Public Enemy schreiben keine Kriegserklärungen aus dem Ghetto mehr. Das haben längst die Gangsta-Rapper mit ihren Erfolgsgeschichten übernommen, weil sie Kasse machen mit den Albträumen der weißen Mittelschicht. Mit dem Titel seines Debütalbums Get Rich Or Die Tryin’ brachte 50 Cent diese aktuell gültige Erfolgsdevise im HipHop auf den Punkt. Chuck D. ist lange noch nicht so reich wie 50 Cent, aber trotzdem noch am Leben. Ein Glück.