Anhänger des Ätz-Programms South Park haben immer schon gewusst, dass die Kanadier eines Tages zurückschlagen. Im South Park -Film Bigger, Longer & Uncut von 1999 mussten zwei jugendgefährdende Filmstars kanadischer Herkunft auf den Plan treten, um die Mütter der vier quadratischen Comic-Helden derart auf die Palme zu bringen, dass sie eine hysterische Anti-Kanada-Kampagne starteten, die dann in einem Krieg zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und Kanada eskalierte. So endet der amerikanische Traum von der Kulturhoheit in der Satire. Der aktuelle Rückschlag der Kanadier fällt weit kultivierter aus, als es ein Trickfilm beabsichtigen könnte. Neuerdings demonstrieren kanadische Bands den verdutzten US-Kollegen, wie man Popmusik machen kann, ohne sich ständig zu wiederholen. BILD

Dass Shania Twain, Céline Dion, Alanis Morissette und Bryan Adams aus Kanada kommen, daran kann man sich mit Mühe erinnern. Aber welchen Unterschied sollte das machen angesichts der global austauschbaren Rock- und Popformate, in denen ihre Karrieren verlaufen? Die bekanntesten Kanadier gingen traditionell auch als gute Amerikaner durch – oder wurden selber welche. Gerade mehren sich die Zeichen, dass das Spiel auch andersherum funktioniert, dem unappetitlichen Pop-Satellitenstaaten-Dasein Kanadas versucht eine Generation junger Bands entschieden ein Ende zu bereiten. Wir können auch anders als die Amerikaner, hört euch mal The Arcade Fire an! Eine Band, so gut gemischt wie das Einwanderungsland Kanada. Sänger und Songwriter Win Butler stammt aus Texas, seine Frau Régine Chassagne aus Haiti, die anderen Mitglieder von Arcade Fire sammelten sie in Montreal auf, schlicht, "weil es keinen besseren Ort zum Musikmachen gibt". Funeral, das Debüt von Arcade Fire, hat sich allein in Europa 200000-mal verkauft, David Bowie lässt keine Gelegenheit aus, die Rockband mit dem fulminanten Orchestersound zu hofieren. Seit Arcade Fire schaut die Pop-Welt auf Montreal, liegt da etwa große Unterhaltung in der Luft?

Es kam einer amtlichen Durchsage gleich, als die New York Times Montreal zum hot spot hochschrieb, flankiert von einem der führenden Musikmagazine, Spin. Auf der Suche nach dem next big thing in der Popmusik und ein bisschen sozialer Wärme haben die Ostküsten-Amerikaner einen Traumfleck für angehende Bohemiens und Party-Touristen entdeckt. Die 3,3-Millionen-Metropole am St.-Lorenz-Strom ist ein multikulturelles Mosaik im Takt der zwei Sprachen (Französisch und Englisch). Obenrum US-Großstadt mit ihren glitzernden Versicherungstürmen und Hotelriesen, untenrum europäische Café- und Clubkultur – immer noch zu Preisen, die dem durchschnittlichen Amerikaner ein Leuchten in die Augen zaubern. Ein Schlaraffenland für Menschen, die sich auf die wichtigen Dinge des Lebens konzentrieren – Kunst, Partys, Konzerte – ohne dafür selbst allzu ernsthaft in Lohn und Brot stehen zu müssen.

"Pop Montreal" heißt der aktuelle Umschlagplatz dieses berauschenden Lebens- und Kulturgefühls, das Festival ist heute Top-Adresse für Trendscouts aller Destinationen. Von den 350 Bands, die innerhalb einer knappen Woche in den besten Clubs von Montreal auftreten, kommen zwei Drittel aus Kanada. Und Bands aus Kanada stehen jetzt weit oben auf der Agenda der internationalen Pop-Flüsterer. Ein gänzlich neues Gefühl für Songwriter Ryan Lenssen von den schwer erfolgsverdächtigen Newcomern The Most Serene Republic: "Surreal, kaum zu glauben." Most Serene Republic eröffnen das Showcase ihres Labels Arts & Crafts in der Main Hall mit einem beschwingten Konzert, in dem sich die scheinbar disparaten Elemente nur so mischen: Indie-Pop-Leidenschaft, coole Jazz-Arrangements, Klatschspiele aus dem Kindergarten unserer Erinnerung. "Wenn wir es schaffen, viele Elemente und Ebenen in einen Song zu bringen und den Song trotzdem zufällig klingen zu lassen, dann ist das das Größte", sagt Lenssen. Die Winks in der nicht weit entfernten Kellerbar L’Escogriffe treiben die klassische Boy-meets-girl-Schnulze ins Barocke, er spielt die Mandoline, sie das Cello. Aber so laut, so pathetisch hat man das noch nicht gehört. Irgendwo hinten sitzt noch ein Schlagzeuger in Anzug, er trommelt mit zwei Holzlöffeln. "Die Winks sind so süß, dass du sie in die Wange kneifen möchtest", meint John Collins von den New Pornographers, "aber pass auf, sie schlagen ihr Cello." Letzte Live-Etappe in dieser Nacht: der Zoo Bizarre am Ende der "Pop Montreal"-Konzertmeile. Den Club haben zwei Franzosen aus Bordeaux importiert, die sich auf das "Elektrosexuelle" im neuen kanadischen Pop spezialisieren wollen. We Are Wolves heißt die Band auf der Bühne, es ist – Tuschelpropaganda – eine der Bands der Stunde, drei Jungs, die in viel zu großen Traumfängern stecken und einen Höllenlärm mit analogen Gerätschaften veranstalten.

Gemeinsam ist diesen Gruppen allenfalls, dass sie bereits erste internationale Anerkennung genießen. Kanadische Popmusik ist exportfähig geworden, nach Arcade Fire, den Hidden Cameras und New Pornographers haben auch Wolf Parade und We Are Wolves ihre Platten bei amerikanischen und britischen Labels veröffentlicht. "Es hat noch nie eine bessere Zeit für unsere Bands gegeben", sagt Jeffrey Remedios vom Arts & Crafts-Label. "Als Kanadier leben wir mit einem großen älteren Bruder, der aus Nordamerika über unsere Schulter schaut. Und traditionell mussten kanadische Musiker erst irgendwo in der Welt Erfolg haben, um in der Heimat beachtet zu werden. Das ist anders geworden. Junge Bands erhalten inzwischen reichlich Anerkennung aus den Szenen und Städten, die sie hervorbringen, das hat ihr Selbstvertrauen enorm gestärkt."

Doch der Aufschwung sucht sich auch schon wieder seine ersten Kritiker. Ian Ilavsky, Pionier der Montreal-Szene und Gründer des konsequent unabhängigen Constellation Labels, warnt vor dem Einzug des ganz normalen Unterhaltungskapitalismus ins polyglotte Pop-Paradies. "Pop Montreal" biete lediglich gut kaubare Pop-Häppchen für die gierende US-Musikindustrie, das sei der Anfang vom Ende eines noch jungen Kulturgefüges. Als Ilavsky 1997 Constellation mit den Bands Sofa und Godspeed You! Black Emperor startete, erholte Montreal sich gerade von der größten wirtschaftlichen Depression seit Jahrzehnten. Der frankokanadische Separatismus der siebziger Jahre hatte einen gewaltigen Attraktivitätsverlust erwirkt, Unternehmen wanderten nach Toronto. Montreal war zum Sozialfall Kanadas geworden, Gelder der Regierung in Quebec verhinderten immerhin eine Ghettoisierung des Zentrums. Übrig blieb ein Schachbrett der Visionen, auf dem sich ausbreitete, wer ein preiswertes Loft als Kulturlabor suchte.

Die meisten Clubs liegen auf dem Boulevard St. Laurent, den sie "la Main" nennen, Trennlinie zwischen französisch- und englischsprachigem Teil der Stadt, und der Rue St. Denis. Wer die Pop-Detonation sucht, lebt hier auf dem Plateau, einem traditionell von Emigranten bewohnten Viertel, oder im Mile End. Die Grenzen zwischen öffentlichem und theatralem Raum sind durchlässig in Montreal, das reicht von den wide open doors in vielen Lokalen, die das Konzerterlebnis ein Stück auf die Straße tragen, bis zum sonntäglichen "Tam Tam" auf dem Mont-Royal, einem überdimensionalen Trommelworkshop mit Tanz und Tête-à-tête, an dem jeder teilnehmen kann, der möchte. In den Worten von Dominique Pétrin, der selbst ernannten Königin des Dada-Punk, existiert diese Stadt als eine Bühne für jedermann: "Montreal ist so frei wie eine Fledermaus, so billig wie eine Banane, so grün wie eine Tasse Tee." Nicht zu vergessen, dass die alten Damen wie Punk-Rocker ausschauen mit ihren Dauerwellen und die Schwulen sich prima im Park vergnügen können.