Man muss nur das richtige Buch am richtigen Ort lesen. Der Dirigent Charles Mackerras saß 1946 in einem Londoner Café und studierte eine Partitur von Antonín Dvo≤ák, als sein Leben eine entscheidende Wendung nahm. Ein tschechischer Emigrant hatte ihn beobachtet und auf ein Stipendium des British Council aufmerksam gemacht, das Studenten einen Aufenthalt in Prag ermöglichte. Mackerras, in Amerika geboren, in Australien aufgewachsen und als Oboist gerade erst in London angekommen, bewarb sich und reiste weiter in die tschechische Hauptstadt. Dort hörte er die Oper Katja Kabanova von Leo∆ Janá‡ek. Ein musikalisches Urerlebnis: Diese Musik besaß Kraft, Größe und Ursprünglichkeit, und sie klang anders als alles, was er jemals zuvor gehört hatte. Die Begegnung veränderte sein Leben. Sir Charles erzählt davon noch heute, als habe er es gestern erlebt.

Vor wenigen Tagen ist er 80 Jahre alt geworden. Die Queen’s Medal for Music, die ihm zum Geburtstag verliehen wurde, liegt noch auf dem Cembalo im Wohnzimmer seines bescheidenen Londoner Reihenhauses, in dem sich ein langes Musikerleben in Form von Büchern und Partituren abgelagert hat, sie stapeln sich bis in die oberen Etagen. An der Wand hängen Urkunden renommierter Schallplattenpreise, dazwischen Originalbriefe von Leo∆ Janá‡ek. Charles Mackerras gehört zu den bedeutendsten lebenden Dirigenten, aber man merkt es seinem Haus genauso wenig an wie ihm. Nach prestigeträchtigen Ämtern und gloriosen Starauftritten hat er sich nie gedrängt. In Deutschland ist sein Name daher bis heute eher unbekannt geblieben, obwohl er mit seinen Janá‡ek-, Händel- und Mozart-Interpretationen Maßstäbe gesetzt hat.

Damals in Prag wollte er beim großen tschechischen Dirigenten Václav Talich studieren. 1947 war Prag die Hauptstadt des einzigen noch nicht kommunistischen Landes in Osteuropa. Der Unterricht bei Talich blieb ein Wunschtraum. Der berühmte Maestro war durch die Leitung des Prager Nationaltheaters und Gastdirigate bei der Tschechischen Philharmonie völlig überlastet. Mackerras durfte seine Proben besuchen, etwa zu Debussys Pelléas et Mélisande – auf Tschechisch. Die Aufführung kam dann aber nicht mehr zustande. Zynischerweise waren es die Kommunisten, die dem jungen Mackerras zu Privatstunden bei Talich verhalfen. Nach der Machtübernahme im Februar 1948 erteilten sie dem katholischen, konservativen Künstler Dirigierverbot, und Mackerras bekam unverhofft die Gelegenheit, Stunden und Tage im Gespräch mit dem Mann zu verbringen, den er einen Philosophen unter den Dirigenten nennt. Talich sprach über Dvo≤ák und Smetana erzählte und deutete die Musik taktweise aus. Mit einem Herz für die tschechische Musik, insbesondere für Janá‡ek, kehrte Mackerras nach London zurück.

Es war nicht einfach, den Direktor von Sadlar’s Wells (später die English National Opera) davon zu überzeugen, Katja Kabanova auf den Spielplan zu setzen, doch es gelang ihm. 1951, dreißig Jahre nach der Uraufführung, dirigierte er die englische Premiere. Das Notenmaterial sei in grauenhaftem Zustand gewesen, voller Fehler und ergänzt um eine Errata-Liste, die das Ganze eher verschlimmerte. Der philologische Jagdinstinkt von Mackerras war geweckt. Schon in Australien hatte er während des Krieges ein Faksimile der Originalpartitur von Händels Messias zu Gesicht bekommen und sofort erkannt, dass dieser originale Messias so gut wie nichts mit dem zu tun hatte, was er in der damals handelsüblichen Bearbeitung des Werkes gehört hatte. Die stammte von einem drittklassigen viktorianischen Komponisten und war hoffnungslos überorchestriert. Diese Einsicht weckte schlagartig sein Interesse für das ursprüngliche Klangbild der Musik – den Originalklang eben, Jahre bevor der Begriff, geschweige denn die Originalklangbewegung in aller Munde war.

Bei Janá‡ek führte das zur ersten kritischen Ausgabe seiner Opern überhaupt: Jahre seines Lebens verwendete Mackerras darauf, sich in Brünn und Hukvaldy durch Janá‡eks kaum zu entziffernde Handschrift zu kämpfen und dabei festzustellen, dass die bisherigen Ausgaben ein Albtraum an Irrtümern und falschen Lesarten waren. Jenufa musste er von der völligen Neuorchestrierung des Dirigenten Karel Kovarovic säubern, die dieser 1921 zur Vorbedingung der Uraufführung gemacht hatte und die seither als verbindlich galt. Es blieb einem Australier überlassen, Janá‡ek für Westeuropa, aber auch für seine Heimat als einen der größten Opernkomponisten des 20. Jahrhunderts zu entdecken. Die grandiosen Einspielungen von Mackerras mit den Wiener Philharmonikern aus den siebziger und frühen achtziger Jahren haben Schallplattengeschichte geschrieben und sind bis heute unerreicht.

Philologischer Ehrgeiz prägte auch seinen Umgang mit der Musik von Händel, Mozart, Brahms und anderen: Zurück zu den Quellen! Mackerras’ (in Deutschland kaum bekannte) Aufnahmen der Brahms-Sinfonien und -Serenaden orientieren sich nicht nur an der Uraufführungsbesetzung der ersten und vierten Symphonie mit nur 49 Musikern. Er studierte außerdem die Aufzeichnungen des vom Komponisten hoch geschätzten Dirigenten Fritz Steinbach. Zuvor hielt Mackerras Brahms für einen auch in Tempofragen strengen Klassizisten, im Gegensatz zu Wagner, der große Freiheiten propagiert habe. Steinbachs Analyse belehrte ihn eines Besseren, weshalb seine Brahms-Deutungen mit dem Scottish Chamber Orchestra nicht nur wunderbar schlank und transparent, sondern auch erstaunlich frei und lebendig daherkommen.

Nein, Mackerras ist alles andere als ein Dogmatiker. Er liebt die Arbeit mit Originalklangorchestern wie dem Orchestra of the Age of Enlightenment, aber die Bespannung der Streichinstrumente mit Darmsaiten hält er keineswegs für unproblematisch. Wichtiger erscheinen ihm Fragen des Tempos, der Verzierungen oder der Bogenführung. Als er 1959 in einer Nachtsitzung mit in ganz London zusammengetrommelten Bläsern Händels Feuerwerksmusik in der originalen Orchestrierung mit 24 Oboen (!) und einer Menge Fagotte und Hörner einspielte, sprachen nicht allzu viele von period instruments. Trotzdem gehört die Aufnahme zu den Pioniertaten authentischer Aufführungspraxis. Und die Gesamtaufnahme der Mozart-Sinfonien (mit dem Prager Kammerorchester aus den achtziger Jahren) bietet ganz ähnlich wie die Einspielungen aller großen Mozart-Opern (mit dem Scottish Chamber) einen extrem vitalen, dramatischen, von zügigen Tempi bestimmten und alles andere als glatt polierten Mozart. Bezeichnend, dass Mackerras sie mit Ausnahme des Idomeneo bei einem kleinen amerikanischen Label produzierte – die Majors zeigten offenbar kein Interesse.