Das Alter ist nicht mehr, was es mal war. Der Mann, der die Tür zu seiner Wohnung im 12. Stock eines vornehmen Apartmenthauses in der Upper West Side von Manhattan öffnet, ist nie im Leben 74, allenfalls ein äußerst drahtiger Mittfünfziger. Mit dem nahezu kahlen Schädel, dem khakifarbenen Hemd, den Cargohosen, den darübergezogenen dicken Wollkniestrümpfen und seinen Sportschuhen wirkt Paul Motian wie ein schneidiger Militärausbilder. Auch seine Stimme klingt, als könnte sie noch dem verschlafensten Rekruten auf dem Appellplatz Beine machen.

Es ist zehn Uhr morgens, nicht gerade die Prime Time für Jazzer. Motian aber ist schon um fünf Uhr aufgestanden, seine morgendliche Zweimeilenjoggingrunde durch den Central Park hat er längst hinter sich. Er sieht geradezu beängstigend fit aus. Der Reporter, eine Generation jünger, schämt sich etwas. Merkwürdiger Gedanke aber auch, dass einer wie ein Greis aussehen soll, nur weil er als subtilster Schlagzeuger im Jazz der letzten 50 Jahre gilt und am 25. März kommenden Jahres ein Dreivierteljahrhundert alt wird. "Entschuldigen Sie die Unordnung", ruft Motian und geht in die kleine, schmucklose Küche, um Teewasser aufzusetzen. Behaglichkeit ist nichts für diesen Mann, der in den frühen sechziger Jahren das Bill Evans Trio verließ, weil ihm in dessen Musik das Unberechenbare zu fehlen begann. Zuvor hatte das Bill Evans Trio mit ihm und dem Bassisten Scott La Faro zu einer Intimität des Zusammenspiels gefunden, die für viele noch heute als das Kostbarste gilt, was es an Klaviertriomusik zu erleben gibt. Die Aufnahmen aus dem New Yorker Club Village Vanguard im Juni 1961 zählen zu den wenigen Inkunabeln des Jazz – umso mehr, als La Faro zehn Tage später bei einem Autounfall tödlich verunglückte. "Wir wollten damals eine Musik machen, die kein Datum trägt", erzählt Motian. "Und das hat sich bewahrheitet."

Über Bill Evans spricht Paul Motian mit Liebe und Zuneigung, über Scott La Faro mit Liebe und Ehrfurcht: "Heute spielen fast alle Bassisten so, aber er war der erste, der das gleichmäßige Taktmaß aufbrach, die rhythmische Grundlage der vier Viertel pro Takt." Inspiriert von La Faro, hat sich Paul Motian seitdem selbst dem Takt gegenüber wie ein mäandernder Fluss verhalten. Dazu braucht er meist nicht mehr als die Basstrommel, die Hi-Hat, die Snare Drum und ein Becken. Darauf entfacht er einen Klangzauber, den andere Trommler selbst mit dem instrumentalen Vielfachen nie zuwege bringen. Sein Schlagzeugspiel ignoriert zuverlässig die Staustufen der Taktstriche und stellt immer wieder neue, überraschende Wegmarken in den Strom der Klänge. Dabei wird man als Hörer jedoch nie in die Konfusion einer Free-Jazz-Beliebigkeit geworfen. Selbst wenn Motian nur seinem eigenen Tempo folgt, spürt man wie in einem Bild von M. C. Escher die narrende Ordnung im Chaos; alles ergibt perfekten Sinn, man weiß bloß nicht, warum. Motians getrommelten Pointillismus etwa im Titelstück der kürzlich erschienenen Trio-CD I Have The Room Above Her zu verfolgen gleicht dem Versuch, Quecksilber zu fassen zu kriegen. Immer wieder verflüchtigt sich seine Spur – und offenbart doch ein unverwechselbares Kontinuum von Menschenhand zerteilter Zeit.

Seinem Besucher bietet Paul Motian das Sofa an. Er selbst bleibt lieber stehen oder läuft umher, bloß keine Gemütlichkeit. Das Sofa steht fast direkt vorm Fenster, mit Blick auf Manhattans Häusermeer. Motian lebt in Gesellschaft einer vorzüglichen, wenig Raum beanspruchenden Stereoanlage, eines Fernsehers, einiger verpackter Trommeln und eines Beckens auf einem Ständer. Hier und dort liegen Zeitschriften, Platten, CDs herum. Frauen würden sagen, hier fehlt die Frau im Haus. "Mir gefällt das. Ich kann tun, was und wann ich will." Das raumgreifendste Möbelstück ist ein brauner Stutzflügel. Motian hat ihn von einem anderen seiner weltberühmten Arbeitgeber aus frühen Tagen, Keith Jarrett. "Keith hat darauf zu spielen begonnen, als er vier, fünf Jahre alt war, und er hat ihn mir für einen Spottpreis überlassen." Seit über 30 Jahren fabriziert nun er auf diesem Instrument, das ungeachtet allen Staubs, das es fängt, bei Sammlern von Jazz-Devotionalien Höchstpreise erzielen dürfte, das Rohmaterial seiner Musik. Rund 20 Platten mit überwiegend eigenen Kompositionen hat Paul Motian seit 1972 veröffentlicht, auf mindestens 150 weiteren Alben anderer Musiker spielte er Schlagzeug. Heute leitet er mehrere Formationen, ein wunderbares Trio mit dem Gitarristen Bill Frisell und dem Saxofonisten Joe Lovano, das Trio 2000 + One sowie die Electric Bebop Band mit drei Gitarristen und zwei Saxofonisten. In diesem Jahr erschienen zudem zwei CDs bei ECM mit Motian als Drittem im Bunde: Bobo Stensons Goodbye und Enrico Ravas Tati. Auch das Gros des übrigen diskografischen Werks veröffentlichen europäische Plattenfirmen, neben ECM vor allem Winter & Winter. Zumindest in dieser Hinsicht fühlt sich der Sohn armenisch-türkischer Einwanderer gut in Europa aufgehoben. Seine neue Produktion – Garden Of Eden im Januar 2006 – greift wieder die Besetzung der Electric Bebop Band auf und versetzt seine eigene Kompositionen in diesen schwebenden Zustand, der zu seinem Erkennungszeichen wurde.

Doch wer Paul Motian heute sehen und hören möchte, muss nach New York gehen. Nach Jahrzehnten kräftezehrender Tourneen hat er vor ein paar Jahren beschlossen, die Stadt nicht mehr zu verlassen: "Der Gedanke an Flugzeuge und Hotelzimmer macht mich krank." Aber dann lacht er sein hartes Lachen und berichtet von der Prophezeiung seines Freundes Hank Jones. Der älteste Bruder der Musikerfamilie, die auch Elvin und Thad Jones hervorbrachte, ist 87 Jahre alt und hat nach mehrjährigem Tourneestopp das Reisen wieder aufgenommen. "Das wird dir auch so gehen", sagte Jones ihm. – "Vielleicht hat er Recht."

Doch warum soll einer, der noch immer am liebsten sein Schlagzeug ins Taxi packt, wenn er von seinem Apartment ins Village Vanguard fährt, unbedingt anderswo spielen? Ein Publikum mit offenen Ohren findet er in diesem Club, dessen Geschichte seit über 40 Jahren untrennbar mit seinem Namen verbunden ist, allemal. Neulich hatte der kinderlose Herr dort Besuch von Olivia, einer knapp vierjährigen Nachbarstochter, mit der er manchmal in den Zoo des Central Park geht. "Meine Nachbarn saßen nah beim Schlagzeug, und die Kleine war total fasziniert. Sie hat während des ganzen Sets bis abends um zehn getanzt!" Vor 70 Jahren war es ein junger türkisch-armenischer Einwanderersohn, der im Flur der elterlichen Wohnung in Providence, Rhode Island, zur Musik tanzte. Doch in Wahrheit war das höchstens gestern.