Drei Kinder, fotografiert in mildem Schwarzweiß von hinten. Barfuß sind sie, nackt bis auf die Unterhose, dunkelhäutig und kahlköpfig, vielleicht fünf, vielleicht sieben Jahre alt. Sehr gerade und gemessenen Schrittes gehen sie hintereinander über einen staubigen Platz zwischen Hütten aus Stroh. Eine Alltagsszene aus dem Tschad, eingefangen am 6. August 1969 vom Magnum-Fotografen Guy Le Querrec. Das Foto erzählt von Lebensweisen, die uns fremd und zugleich seltsam vertraut sind, von Armut und Mühsal, und doch von der Würde und Lebensfreude der Menschen, die den widrigen Verhältnissen ihr Leben abtrotzen. Es erzählt aber auch von Musikalität, vom Gleichklang der Schritte und ihrer Rhythmen, vom Atem und der Hitze, von geraden und verschlungenen Wegen, von Gewohnheit und Improvisation.

Afrique si loin, si proche, "Afrika, so fern, so nah": So ist jenes der zwölf Kapitel der CD-Foto-Box African Flashback überschrieben, das Le Querrec (Instrument: Leica) mit dem Bild der drei Kinder einleitet. So fern, so nah: An der Schnittstelle von ambitionierter Reportagefotografie und improvisierter Musik arbeitet der Bretone seit langem mit drei Musikern zusammen, die zur Creme der europäischen Szene zählen. Nachdem ihn der Bassist Henri Texier in den sechziger Jahren für den Jazz sensibilisiert und begeistert hatte, begleitete er dessen Trio mit dem Klarinettisten Louis Sclavis und dem Schlagzeuger Aldo Romano wiederholt auf Reisen in Afrika. Die ausgedehnteste dieser Reisen im September/Oktober 1997 feierten die vier mit einer Box, die neben einer CD-Reflexion darüber, was sich von dieser Erfahrung in der Musik europäischer Jazzmusiker niederschlägt, auch ein dickes Foto-Booklet mit Le Querrecs Reiseimpressionen beinhaltet.

Für African Flashback hat sich Le Querrec nun tief in das Archiv seiner Fotografien aus Afrika hineingegraben und zu Themen wie Landschaft, Macht und Politik, Das weibliche Afrika zwölf fotografische Essayskizzen vorgelegt sowie drei seiner Afrikareportagen neu arrangiert. Das Ganze hat er seinen Musikergefährten vorgelegt, damit sie – zu Hause im französischen Amiens – einen assoziativen Kontrapunkt zu seinen visuellen Diskursfäden setzen. Three Children, eine Komposition von Louis Sclavis: Da ist der wuchtige, bohrende Bass Texiers, der die Musik mit einem schlichten Riff in Bewegung setzt, ohne sich von der Stelle zu rühren. Dazu Romanos Schlagzeug, das sich zunächst träge mit dem Bass verbindet, mit lässigen Akzenten die Lücken füllt und ganz langsam den Energiepegel erhöht. Auf dem Sopransaxofon schließlich eine zarte Melodielinie, die mit fast flötenartigem Hauch beginnt, um sich nach einigen Pirouetten durch die Harmonien in fröhlich sprudelnde Arpeggios und wilde Triller aufzulösen. Hypnotisch ist diese Musik, einfach und subtil, ausgelassen und vital, afrikanisch durchdrungen in ihrem Beharren auf die einmal eingeführten Figuren und im Wechselspiel von Saxofon und Bass. Doch ansonsten halten Texier, Romano und Sclavis Distanz zum Schwarzen Kontinent, sie verzichten auf die direkte Anlehnung an afrikanische Musikformen und behandeln deren Einflüsterungen nicht anders als die assoziativ verknüpften Erinnerungsreste anderer folkloristischer Kulturen etwa aus Osteuropa oder Lateinamerika. Stattdessen binden sie sich an die Errungenschaften ihrer eigenen musikalischen Vita: die Freiheit des Jazz jenseits aller Imperative.

So fern, so nah: Es ist die vielfältig gebrochene musikalische Identität der an den europäischen Akademien ausgebildeten und mit allen Wassern der Improvisation gewaschenen Musikern – zwischen Bebop, diversen folkloristischen Traditionen und dem völlig freien Spiel –, die hier den Ton vorgibt. Einen sehr schönen, warmen, kontrollierten Ton. Hier findet Le Querrecs Fotografie die Reibfläche, an der sich ihre emotionale Kraft ein zweites Mal entzündet.