Der Mann schlendert durch die Ruinen einer weiten Tempelanlage, verweilt hier vor einer Hieroglyphen-Inschrift, betrachtet dort die in Stein geschlagenen Riesenfiguren. Bewachen sie den Eingang einer Grabeshöhle? Er betritt das Innere der Grabkammer, steht nachdenklich vor Wandmalereien und Reliefs. War die Dame mit der gescheitelten Langhaarfrisur vielleicht eine der legendären Doppeloboenspielerin, die einen Priester beim Opfergang begleitete? Ist er selbst einer von den Tausenden Touristen, die das Tal der Könige weniger mit der Seele suchen, sondern heute Abydos mit Totentempel und Osirisgrab, morgen den Hathor-Tempel und dann die Wandmalereien im Ramsesgrab bei Theben "machen"?

"Man fängt an zu meditieren, zu denken, auf eine ganz andere Weise: ganz langsam; je langsamer, desto tiefer, intensiver – und immer besser begreift man etwas von der altägyptischen Kultur und ihren Mythen, von der Andersartigkeit des Denkens." Um dieses andere Paradigma geht es in diesem DVD-Film, zu dem der Mann die "Idee" lieferte: Giuseppe Sinopoli. "Ein intelligenter Mensch macht nicht nur eine Sache gut." Manch einer, der diesen Satz von ihm unvorbereitet hörte, zuckte zusammen, konstatierte "hybride Selbstüberschätzung", vermutete, der Mann sehe vom elfenbeinernen Turm hochmütig über die unter ihm hinweg. Giuseppe Sinopolis Biografie freilich gibt seinem Satz recht. Musikstudium: Komposition, Oper, Orchester, Kammermusik. Doktor der Medizin. Chefdirigent in Rom, London, Dresden. Romanautor (Parsifal in Venedig). Philosoph. Privatissime exzellenter Koch. Zuletzt Archäologie, Ägyptologie bis unmittelbar vor dem Doktorat.

Als Ziel seines Engagements für die ägyptische Kultur sieht er die "Befreiung aus dem ›Goldenen Gefängnis‹ unserer auf Logik basierenden westlichen Kultur", findet er ganz speziell ein neues Bewusstsein für einen verlorenen Begriff: "Ewigkeit". Er gewinnt es, weil er in und mit diesen steinernen Relikten "Ruhe" findet, nicht nur äußerliche Stille, sondern inneren Frieden, Konzentration. Hier Musik hören (und machen) heißt für ihn ein "ganz starkes Gefühl entwickeln, eine Ahnung, die sich über unser dialektisch konstituiertes materialistisches wie wissenschaftsabhängiges Denken breitet, es zudeckt, beiseite schiebt".

Und während der Archäologe vor den Hieroglyphen steht, riskiert der Musiker (aus dem Off) einen kühnen Vergleich: "Eine Partitur zu interpretieren bedeutet in gewissem Sinne, sie auszugraben. Hinter den Noten versuchen wir Botschaften eines menschlichen Wesens und einer menschlichen Kultur aufzuspüren – nichts anderes versucht der Archäologe in den Ruinen zu finden." Auch dies ist beiden gemeinsam: "Die Botschaften mögen oft fremdartig sein, zumal dann, wenn sie tranzendente Inhalte vermitteln, die kaum noch eine Chance haben in einer materiell denkenden Welt, wo Symbole nichts mehr bezeichnen oder bedeuten, wo nur noch flinke Bilder zählen und Funktionen." Schließlich: "Für beide gibt es eine Menge von Labyrinthen zu erkunden."

Die Titel seiner Kompositionen verraten, wie das Denken schon früh fokussiert war: Symphonie imaginaire heißt ein Orchesterstück, 1973, Souvenirs à la mémoire ein anderes, 1974. Bei Tombeau d’Armor, Donaueschingen 1975, war das Motto eindeutig: "Die Erinnerung wirkt nicht als Zitat, sondern als kreisender Traum von der Aufhebung der Zeit." Aufhebung der Zeit: Die ägyptischen Hieroglyphen liest Sinopoli wie Noten – Versuche, eine Welt zu erschaffen und in dieser "Form" die Zeit aufzuheben. Die Zeichen in den Steinen (ver)kündeten dem Ägypter etwas von der Ewigkeit, und die gehört dem Tod, nicht dem Leben. So verstanden, bedeutet der Tod, die Zeit zu überwinden, Menschliches zu überdauern – einzugehen in die Ewigkeit und damit in die Sphäre der eigentlichen Gottesnähe. "Tod ist die Bestätigung der Gottesliebe – Gott braucht die Menschheit."

Immer wieder taucht in den Filmschnitten von den Tempelresten der steinerne Falkengott Horus auf, dessen Augen in die beiden entgegengesetzten Himmelsrichtungen blicken – das eine nach Westen, wo die Sonne untergeht und wo der Tod beheimatet ist, das andere nach Osten, wo der Mensch unter der Ägide des Mondes lebt. Ähnlich häufig fließt Wasser, der Nil, die alten Kanäle, die Gräben um die Totenkammern, wo der Leichnam der "anderen Welt" näher war. Und über den Wassern zieht das Sonnenschiff seine tägliche Bahn: Diese Reise, so das alte Ägypten, und wir dürfen vermuten, so auch Giuseppe Sinopoli, ist die Garantie dafür, dass auch der Mensch diese Reise macht und wiederkehrt zu einem neuen Leben. – "Ich sehe mein Verhältnis zu Ägypten als eine Art work in progress, als lebenslanges Sammeln von Erfahrung, von Jahr zu Jahr intensiver – ein Sammeln, das fortdauern wird, solange ich lebe." Am 20. April 2001 starb Giuseppe Sinopoli in Berlin – während er Verdis Aida dirigierte, mitten im dritten, im "Nil-Akt".

Die im Film folgenden Aufzeichnungen von fünf Arbeiten Sinopolis mit der Dresdner Staatskapelle – Schönbergs Verklärte Nacht, Strauss’ Metamorphosen, Schumanns Rheinische, Wagners Parsifal- Vorspiel, Beethovens Siebente – zählten zum Programm einer Ägypten-Tournee anlässlich des 450-jährigen Bestehens der "Kapelle" – die Verbindungen zu "Nacht" und "Tag" hier, zum Wasser dort sind schnell gezogen. Die Bildregie mit ständig elektronisch hinzumontierten Farbspielereien oder mit einer virtuellen Dom-Kulisse mag Puristen stören, Flimmerbild-Freunde ergötzen, den Verdacht nähren, die Regie traue der Musik allein nicht: Nach den Einblicken in die philosophische Befreiung aus dem "Goldenen Gefängnis" kann das Ohr nicht länger von den Augen überwältigt werden. Wir empfinden möglicherweise wirklich, wie wenn Ramses III. "aus seinem für die Feierlichkeiten vorbehaltenen Fenster des Tempels von Medinat Habu dem Konzert beiwohnte".