Mauritius Moment mal - war das Glück?
Mauritius kennt man schon, bevor man ankommt. In den Luxushotels wird alles getan, damit die Realität den Sehnsuchtsbildern entspricht. Nur der Regen macht, was er will
Machen Sie eine urlaubstypische Handbewegung. Das Heben der Handflächen zum Himmel. Regen? Beschreiben Sie ein typisches Geräusch. Das Tropfen von Wasser auf Wege. Das Fließen von Wasser in Wasser. Das Schwappen der Wellen an den Strand. Das Krachen, wenn das Meer sich gegen die Felsen wirft, am Fuß des Hauses, das auf einer Landzunge namens Frangipani steht. Ein Geräusch, so laut, dass man nachts die Balkontüren schließen muss, die morgens dann klebrig sind von der Gischt. Obwohl man im zweiten Stock wohnt. Man sieht ein Fischerboot, das sich durch die Regenböen kämpft. Regen auf Mauritius!
Draußen vor der Insel stiebt das Meer an den Korallenriffen zu weiten Nebeln auf. Im Inselinnern hängen schwarz getuschte Wolken triefend über den Zuckerrohrfeldern. Das könnte so entspannend sein, man könnte eintauchen in das Element, aus dem man doch selbst besteht, sich treiben lassen, in sich selbst. Würde der Regen nicht so viel Missfallen erregen. Es gibt Menschen, die stehen in der Hotelhalle des fünfsternigen One & Only Le Touessrok vor dem riesigen Mosaik aus silbrig-orangefarben glitzernden Steinchen und finden, dass man bei Preisen von im günstigsten Fall 300 Euro pro Nacht und Nase für eine konferenzsaalgroße Suite mit Bettlaken aus ägyptischer Baumwolle, DVD-Anlage und freistehender eiförmiger Badewanne auch Sonne gebucht hat. Dass Mauritius ihnen als Paradies beschrieben wurde. Dass ein Paradies kein Wetter hat, es sei denn, heißes. Sie wollen nicht hören, dass sie vielleicht schon morgen bei gleißender Sonne zur Île aux Cerfs übersetzen und sich dort auf dem Bernhard-Langer-Golfplatz an höchsten Schwierigkeitsgraden abarbeiten können. Sie möchten heute glücklich sein. Sie haben 13 Flugstunden hinter sich. Tausende von Kilometern.
Schöne Menschen reichen Handtücher und nehmen einem jede Last
Wie weit muss man reisen zum Glück? Gar nicht weit, sagt der eine und vertieft sich in ein Augenpaar neben sich. Schon zu weit, befindet ein anderer, schließt die Augen und schaut in sich. Trotzdem kommt es immer wieder zu Befunden, die eine Fernreise nahe legen. Fernreisen führen zuverlässig von etwas weg und gelegentlich irgendwohin. Mauritius sei ein Inselchen, verloren in der Weite des Indischen Ozeans, hat Mark Twain gesagt. Es berühre einen wie Parks und Gärten einen berühren: »Die Oberflächen der geistigen Tiefen werden auf angenehme Weise bespielt, die Tiefen nicht berührt oder aufgerührt.« Mauritius!, hatte der Sohn geschrien, sei Freihandelszone, da würden als Mitbringsel teuerste Markenklamotten erwartet, »die machen die da für nichts«. So so.
Nicht größer als 40 mal 50 Kilometer. Und ganz ohne Menschen, bis die Araber vorbeischauten und die Portugiesen und dann die Holländer 1598 Anker warfen und die Franzosen um die hundert Jahre später übernahmen. Sie brachten Sklaven mit, die 1810 von den Engländern befreit wurden, woraufhin indische Kulis in den Zuckerrohrfeldern schufteten. Vor diesen Invasionen muss es auf Mauritius so ausgesehen haben wie heute im unwegsamen, wild genannten Süden, steile Hänge, die von den zipfeligen Vulkanen herabfallen, und darauf ein Wald aus Ebenholz und wucherndem Kampfergestrüpp. Wie es wohl damals geklungen hat, als die Tiere noch mit sich allein waren, die Grauenten und die wilden Affen, die gelbschnabligen Beos, die Krähen, die Kardinalsvögel, natürlich die Dodos. Es muss ein Garten Eden gewesen sein. Ein bisschen so, wie sich heute der kleine Touristenpark L’Étoile gibt, auf dessen Hängen sich das Rotwild in großen Rudeln zusammendrängt.
Die Hirsche sind ein Import aus Indonesien. Einmal im Jahr jagt man sie zurück ins Unterholz und zäunt sie ein. Man düngt das Gras, bis es hoch steht. Zäune weg, und sie treten aus dem Schatten der Büsche heraus, »neugierig wie die Kinder, rechts und links äugend«, wie ein Förster mit Andacht sagt. Ein vollkommener Augenblick. Dann Schüsse. Der Park ist ein Fun Park, Touristen buchen hier Abschussquote mit anschließendem Dinner und einer Fahrt auf röhrenden Quads, die mit breiten Reifen den Schlamm wie dicke Ursuppe aufwühlen, dass sie hochspritzt und die Gesichter der Fahrer mit Lehm überkrustet. So werden Männer glücklich wie Kinder.
Glück ist eine Inszenierung. Luxus ist, wenn Menschen sich in Bildern wiederfinden, die im Kopf schon als Sehnsucht vorhanden waren. Also: Urwald und Schlamm. Oder: eine Halle wie im sagenhaften Hotel Le Saint Géran, in der man wie in einer Kathedrale zu den Vögeln aufblickt, die da ganz oben herumflattern, während von rechts der Fluss heranstrudelt und unter dem Marmorboden hindurch- und weiterfließt und mit seinen Enten und Schwänen unter den Palmen und Frangipanis verschwindet. Glück ist eine gleißende Wasserfläche, die sich, wie im Prince Maurice, in eine andere ergießt und diese in eine weitere, bis sich alles im Meer verliert. Ein zart geschnitzter Pavillon mitten im Pool, zum Heiraten, wie in der allerschönsten Soap des Nachmittags. Ein weißes Zelt am Strand, das Tischtuch flattert, Palmenherzen mit Kapitänsfisch an Chili, Sorbet und ein Hauch von Kardamom. Ein Traum? Oder eine Reklame für Stellenboschs Meerlust, Jahrgang 1998? Eine Brücke führt mit sanftem Schwung über eine Pool-Landschaft, auf ihr schreitet voller Eleganz eine Frau in einem bodenlangen cremefarbenen Leinenkleid. Ein schlichter Strohhut. Ja, da möchte man wohl sein, wo solch schöne Menschen Urlaub machen. Dann sieht man, wie die Frau sich umdreht, zu einer anderen. Sie nimmt der Dicken eine Tasche ab, sie lässt sie herankommen, hat jetzt das grellbunte T-Shirt neben sich, engste Shorts auf umfangreichen Schenkeln. Eine Touristin wird zu ihrer Suite geleitet.
Die Welt der mauritischen Luxushotels ist bevölkert mit herrlichen Menschen, die dienen, und mit anderen, die vielleicht gerade deshalb hierher kommen. Zur ersten Sorte gehören Kreolen, zarte Inderinnen, mal eine schwungvolle négresse, leise Männer, die Weinkühler durch den Garten tragen. Die schönen Menschen treten als Handtuchreicher und Brillenputzer in Erscheinung, als Erfrischungsbesprüher und Stühleheranschieber. Sie nennen sich Freitag, wenn sie auf einer Insel das Barbecue servieren. Sie stellen sich als Naipaul vor, wenn sie eine Literaturredakteurin begrüßen. Es gibt Frauen, die morgens an einer Palme lehnen, nur weil sich ihr Turban so vorteilhaft gegen den Himmel abhebt. Und Männer, die in der Abenddämmerung unter den Sonnenschirmen am Strand stehen, weil es so beruhigend wirkt, wenn da jemand mit Tropenhelm aufs Meer schaut. Es gibt Menschen, die augenscheinlich des Weges geschickt werden, nur um einem schüchternen Gast ermutigend zuzunicken. Das Dienen, sagt ein Manager, sei den Menschen auf Mauritius ganz natürlich, wie die große Schönheit. Das ist natürlich rousseauscher Unsinn. Es gibt dicke und lahme, krumme und picklige Menschen auf Mauritius, wenn auch nicht als Angestellte in Hotels. Und weil niemand gerne seine Führungsqualität versteckt, ist vom Manager leicht zu erfahren, dass die dienstbaren Schönheiten handverlesen sind und mit Hilfe von buchdicken manuals geschult wurden – wie man sich mit Anmut verbeugt und dem Gast jede Last abnimmt, den beladenen Teller am Buffet oder das Baby.
Wie schwer es sei, so viel Wohlverhalten durchzusetzen, seufzt die Führungskraft. Ihr Blick ruht sorgenvoll auf jenen, die sich jeder Schulung entziehen, den Neuankömmlingen aus England, vom überbewerteten Pfund hierher gespült, den jungen, noch pickligen Honeymoonern aus Frankreich, die sich den Trip abgespart haben und nun vom Personal mühsam mit Stil verheiratet werden müssen, den ausgebufften Anwälten und ihren Gattinnen, denen man wenigstens mit einem kleinen Kärtchen im Bad beizukommen versucht: »Dear Guest. We would like to welcome you at our restaurant and bar dressed in elegantly casual…« Frühstück: keine Bikinis! Abends: keine Bermudas! Können Anwälte lesen? Es ist eine Frage des Wollens. Einmal den schwarzen Dreiteiler ausziehen und in kurzen Höschen durchs Wasser waten! Oder den Satz hören: »Rufen Sie mich, wann immer Sie mögen, ich bin 24 Stunden für Sie da.« Ja, so werden kindliche Sehnsüchte professionell bedient. Oder vielleicht auch nur kleine Rachegelüste der einstigen Kolonien befriedigt, mit einer boshaften Botschaft an Old Europe: »Seht her, Lächeln kann man lernen. Das machen unsere Leute für 200 Euro im Monat, bei niedrigsten Lohnnebenkosten…«
- Datum 12.02.2009 - 13:17 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 08.12.2005 Nr.50
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