Die Stärke der EU liegt in ihrer Größe. Schon zur Zeit der Römischen Verträge wollten sich die Gründerstaaten der Europäischen Gemeinschaft die Dynamik großer Märkte zunutze machen. Der grenzüberschreitende Austausch von Gütern und Dienstleistungen, Arbeitskräften und Kapital fördert Effizienz und Innovation.

In jüngster Zeit aber hat die EU dieses Ziel aus den Augen verloren.

Arbeitslosigkeit und ein niedriges Wachstum sind Probleme, die sich quer durch die Union ziehen. Europa sollte sich auf seine ursprüngliche ökonomische Vision besinnen.

Die drängendsten Probleme bereiten die Kapitalmärkte und die finanzielle Infrastruktur. Das vereinigte Europa hat die gleiche ökonomische Größe wie die USA. Doch die schlagen mehr Vorteile aus ihrer Größe. Sie stellen finanzielle Dienstleistungen und Instrumente bereit, die Kapital aus der ganzen Welt anlocken und die Kapitalkosten in ihrem Land mindern. So stecken Japaner und Chinesen zurzeit Hunderte von Millionen Dollar in US-Regierungsanleihen, und Amerika bekommt billig Geld. In der Eurozone gibt es nichts Vergleichbares. So ist Kapital hier teurer als in den USA, was zu langsamerem Wachstum und geringerer Beschäftigung führt.

Kleine Unternehmen sind überall auf der Welt die wichtigste Arbeitsplatzlokomotive. In den USA arbeitet die Hälfte aller Beschäftigten in Unternehmen mit weniger als 500 Mitarbeitern, 70 Prozent aller neu geschaffenen Jobs entstehen dort. Und diese Firmen sind auch innovativer und melden 13- bis 14-mal so viele Patente an wie größere Unternehmen. Banken hingegen beurteilen diese Firmen anders: Es ist riskanter, ihnen Kredite zu gewähren als Konzernen. Mit wenigen Ausnahmen, etwa dem AIM-Markt in London, sind kleine Unternehmen nicht an den europäischen Kapitalmärkten notiert. Ein Risikokapitalmarkt existiert ebenfalls praktisch nicht. Doch kleine Unternehmen brauchen Kapital zum Wachsen.

Für dieses Problem schlage ich eine Lösung vor, die sich an erfolgreichen Arrangements am amerikanischen Immobilienmarkt orientiert. Nach der Großen Depression der 1930er Jahre war es ein Ziel der amerikanischen Politik, Kapital für Hausbesitzer mit geringen Einkommen verfügbar zu machen. Dafür wurde eine Reihe von Institutionen namens Ginnie Mae, Fannie Mae und Freddie Mac ins Leben gerufen. Interessanterweise erfüllen sie ihren Auftrag ohne finanzielle Unterstützung vom Staat - im Gegenteil, sie sind sehr profitabel.

Diese Einrichtungen kaufen Hypothekenportfolios von Geschäftsbanken auf, bündeln sie in neue Finanzprodukte, etwa Anleihen, und verkaufen sie am Kapitalmarkt. Obwohl lediglich Kredite umgeschichtet werden, entsteht ein wirtschaftlicher Vorteil: Weil so viele Hypothekenkredite zusammengefasst ein geringeres Risiko darstellen als einzeln, können Ginnie Mae oder Freddie Mac ihre Anleihen viel günstiger am Markt verkaufen. Ökonomen sprechen vom Gesetz der großen Zahl.