Stühle und Pulte sind dicht gedrängt, mancher Bewerber hat seine Teilnahme beim Kurs "Energetische Altbausanierung" wegen hohen Andrangs vertagen müssen. Zur Einstimmung beschwört der Geschäftsführer des Energiezentrums Allgäu (eza), Martin Sambale, noch einmal das Weltendrama per PowerPoint. Wie die Endlichkeit fossiler Ressourcen und der asiatische Energiehunger den Ölpreis immer weiter nach oben treiben und die steigenden CO2-Emissionen das Klima noch unberechenbarer machen könnten. Dennoch werde auch in Deutschland noch immer mehr als ein Drittel der Endenergie schlicht verheizt, sagt Sambale. Und zwar zu 95 Prozent in Häusern, die vor 1984 gebaut wurden. BILD

Die Aufgabe, um die es in Kempten geht, ist also klar: den Verbrauch der Energiefresser, die man in der Branche diplomatisch "Gebäudebestand" nennt und die 20, 30 und mehr Liter Heizöl pro Quadratmeter und Jahr verbrennen, kräftig zu drosseln. Und das möglichst kostengünstig und kreativ. Technisch könnte man oft längst auf ein Zehntel, ja auf null kommen.

Wie man Lüftungsverluste und den Sonnenstand berechnet, Geometrie und Verschattung in die Energiebedarfsrechnung einbezieht oder Wärmebrücken unschädlich machen kann. Das und viel mehr sollen die Fortbildungskandidaten an sechs Wochenenden durchdenken und -rechnen lernen. 1600 Euro plus Anreise plus Übernachtung lassen sie sich den Wissenszuwachs kosten. Gut angelegt, meint aufmunternd der Professor für Gebäudetechnik Peter Braun, der als Referent von der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften ins Allgäu gereist ist: "Mit diesem Kurs erwerben Sie eine Lizenz zum Gelddrucken."

Da könnte was dran sein, denn im kommenden Jahr soll in Berlin eine gesetzliche Zweistufenrakete zünden. Zum einen steht, von der "EU-Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden" verlangt, von 2006 an die Einführung eines Energiepasses an. Mit so einem Papier müssen Eigentümer bald den Heiz- und Strombedarf ihrer Immobilie dokumentieren, sobald das Haus oder eine Wohnung darin zum Verkauf oder zur Vermietung ansteht.

Die Details sind noch nicht klar. Doch wahrscheinlich werden dann zugelassene Aussteller – wie schon jetzt bei Interessierten – mit Checkliste und Kamera bewaffnet um das Haus herum- und durch das Haus hindurchstapfen, Fensterrahmen, Kellerdecken, Außenwände inspizieren und Heizkessel und Thermostatventile prüfen, um Effizienzschwachstellen aufzuspüren und Sanierungsansätze vorzuschlagen.

Den Heizhunger ihres Hauses kennen die wenigsten Eigentümer

Die Zertifizierung soll Transparenz und Vergleichbarkeit, überhaupt ein Bewusstsein für die energetische Qualität auf dem Wohnungs- und Immobilienmarkt schaffen. Denn jeder weiß zwar, wie viele Liter Sprit sein Auto auf 100 Kilometern schluckt. Aber den Heizhunger ihres Hauses kennen die wenigsten.

Der Pass ist Pflicht, die Modernisierung freiwillig. Damit viele Hausbesitzer sie in Angriff nehmen, zündet die zweite Raketenstufe: 1,5 Milliarden Euro Fördermittel, die CDU/CSU und SPD laut Koalitionsvertrag jedes Jahr für die energetische Altbausanierung bereitstellen wollen. Das ist mehr als das Vierfache dessen, was bisher für entsprechende Darlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ausgegeben wurde. Der Anstoß kann sechs Milliarden Euro weiterer Ausgaben mobilisieren.

Bei diesem Projekt waren sich die neuen politischen Verbündeten schnell einig. Weil Energiepass und Förderprogramm gemeinsam drei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Sie beschleunigen den Klimaschutz, beflügeln technologische Innovation und blasen Wind unter die Segel der danieder- liegenden Baubranche. Denn Deutschland steht schon. Nur etwa ein Prozent des Baubestandes jährlich wird noch neu errichtet. Für Architekten, Materialienhersteller und Handwerker ist also vor allem im Altbau etwas zu holen. Den gepflegt zu erhalten ist aus kulturellen Gründen, wegen der bereits verbauten und oft schwer zu entsorgenden Ressourcen aber auch ökologisch fast immer sinnvoll.