DIEZEIT: Britische Kollegen von Ihnen haben herausgefunden, dass der Nordatlantische Tiefenstrom im vergangenen halben Jahrhundert um fast ein Drittel nachgelassen hat. Damit würde auch Europas wichtige Warmwasserheizung schwächeln. Wie beurteilen Sie diese Erkenntnis? StefanRahmstorf: Mich hat das Messergebnis überrascht. ZEIT: Zweifeln Sie es an? Rahmstorf: Überhaupt nicht. Harry Bryden ist ein seriöser Ozeanograf, seit Jahrzehnten im Geschäft, und das Messergebnis ist signifikant. Allerdings bin ich mir selbst noch nicht darüber im Klaren, wie es einzuordnen ist. ZEIT: Könnte also jetzt wirklich, trotz Erderwärmung, eine Eiszeit nahen, also eine Apokalypse wie in dem Hollywoodschocker The Day after Tomorrow ? Rahmstorf: Seien Sie beruhigt, so etwas kann nicht passieren. Aber natürlich stellt sich schon die Frage, ob die atlantische Zirkulation sich weiter abschwächen wird oder gar ganz abreißen könnte. Selbst dann wäre aber keineswegs mit so drastischen Konsequenzen wie in dem Hollywoodstreifen zu rechnen. ZEIT: Sie gehören normalerweise zu den Warnern vor dem Treibhauseffekt. Warum wiegeln Sie jetzt ab? Rahmstorf: Ein desaster movie sollte natürlich nicht als Dokumentarfilm missverstanden werden. Aber der laufende Klimawandel birgt genügend reale Gefahren. Die Veränderung der Atlantikzirkulation ist ein ernst zu nehmendes Risiko, über das wir seit vier Jahren ein internationales Forschungsprojekt leiten. Zu den Folgen würden auch Veränderungen in den marinen Ökosystemen, im Meeresspiegel und wahrscheinlich in den tropischen Niederschlagsgürteln gehören. ZEIT: Ist denn die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass es tatsächlich zu einem Abriss des Nordatlantikstroms kommt? Rahmstorf: Für solche Folgerungen ist es zu früh. Wir müssen die neuen Messergebnisse in den nächsten Monaten erst genauer analysieren und im Kollegenkreis diskutieren. ZEIT: Irgendwie scheinen Sie doch an den Messungen Ihrer britischen Kollegen zu zweifeln, oder? Rahmstorf: Nein, aber sie werfen viele Fragen auf. Sie widersprechen den Modellszenarien über die Entwicklung der Atlantik-Zirkulation unter dem Einfluss der globalen Erwärmung. Kein Modell ließ erwarten, was die britischen Kollegen jetzt gemessen haben. Laut unseren Szenarien dürfte sich die Zirkulation bis heute kaum verändert haben. Die Klimamodelle lassen erst bei wesentlich stärkerer globaler Erwärmung eine messbare Abschwächung der Zirkulation erwarten, erst nach der Mitte des Jahrhunderts. ZEIT: Eine abrupte Abkühlung erwarten Sie also nicht? Rahmstorf: Darüber wird natürlich jetzt spekuliert. Nur, bis heute hat sich das Klima gerade in den nördlichen Breiten bis hinauf zur Arktis überdurchschnittlich erwärmt. Die Abschwächung der Atlantik-Zirkulation hat jedenfalls bisher keine größeren Effekte auf das Oberflächenklima gehabt. ZEIT: Ist der Mensch an der Veränderung der Golfstrom-Zirkulation schuld? Rahmstorf: Auch das wissen wir nicht. Übrigens behaupten das auch meine britischen Kollegen nicht. Wir wissen allerdings, dass der Salzgehalt des Nordmeers, und damit die Wasserdichte, in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich abgenommen hat. Vermutlich sind stärkere Niederschläge und das Abschmelzen des Grönlandeises die Ursache – das haben amerikanische Kollegen im Juni in Science veröffentlicht. Das könnte die Abschwächung der Strömung bewirkt haben, denn dort im Nordmeer liegt die Quelle des Tiefenwassers. Es sinkt normalerweise durch seine große Dichte bis auf 3000 Meter ab und strömt durch den ganzen Atlantik nach Süden. Allerdings können wir auch eine natürliche Schwankung als Ursache der gemessenen Veränderung nicht ausschließen – über solche Schwankungen in dieser Tiefe weiß man noch zu wenig. ZEIT: Das klingt ziemlich ratlos. Rahmstorf: Auf jeden Fall haben uns die Erkenntnisse unserer britischen Kollegen vor einige spannende Rätsel gestellt, die durch weitere Messungen und Modellsimulationen geknackt werden müssen. Die Fragen stellte Fritz Vorholz