Man kann es als konsequente Fortsetzung einer politischen Tradition werten, dass bei der Besetzung des Ministerpostens für Bildung und Forschung die Wahl auf Annette Schavan fiel. Denn mit Ausnahme von Heinz Riesenhuber (CDU) und Edelgard Bulmahn (SPD) zeichnete sich noch jeder ihrer Amtsvorgänger im Bereich der Forschung im Allgemeinen und in den Naturwissenschaften im Besonderen durch herzhafte Ignoranz aus. Dass Frau Schavan andererseits eine anerkannt kompetente Bildungspolitikerin ist, hilft ihr wenig. Der Bund hat praktisch alle Zuständigkeiten in der Schul- und Hochschulpolitik an die Länder abgetreten. Da gibt es für die Ministerin künftig wenig zu gestalten.

Daher muss - und könnte - sie in der Wissenschaftspolitik punkten. Einer der ersten Versuche ist ihr da allerdings erst mal gründlich missraten. Und der betraf ausgerechnet das sensible, forschungspolitisch eminent wichtige Feld der Stammzellforschung.

Nicht nur, dass der Koalitionsvertrag zwischen CDU und SPD weiterhin eine unsinnige Präferenz auf die Forschungsförderung bei adulten Stammzellen fortschreibt. Die Ministerin wusste Erstaunliches zu berichten: Viele Wissenschaftler hätten erkannt, dass das Potenzial der embryonalen Stammzellen (ES-Zellen) überschätzt werde, und forschten längst in anderer Richtung. Welche das ist, machte Schavan unzweideutig klar: Wir brauchen eine Stammzellforschung ohne ethisches Dilemma. Will sagen, die deutschen Wissenschaftler sollen gefälligst an adulten, körpereigenen Stammzellen forschen.

Damit hat Schavan nun erst mal die deutschen Stammzellexperten brüskiert. Von denen kann sich nämlich keiner erinnern, von der studierten Theologin um Rat gebeten worden zu sein - selbst der Münsteraner Max-Planck-Direktor Hans Schöler nicht, der immerhin im Forschungsbeirat der CDU sitzt und sich nun fragen mag, warum eigentlich.

Schlimmer aber stößt der Forschergemeinde auf, dass die Ministerin offensichtlich konfabulierte. Selbst international führende Wissenschaftler wie Stuart Orkin vom Howard Hughes Medical Institute oder Irving Weissman von der Stanford University, die mit der Forschung an adulten Zellen Karriere machten, sind in die ES-Zellforschung eingestiegen. Weissman verkündete kürzlich sogar, er erwarte eine zweite biotechnische Revolution durch die ES-Zellforschung.

Die britische Regierung stockte vergangene Woche die Förderung für die Stammzellforschung auf 146 Millionen Euro für die nächsten zwei Jahre auf.

Davon dürfte ein erheblicher Teil auf die ES-Zellforschung entfallen. Und die Briten sind nicht dafür bekannt, in aussichtslose Projekte zu investieren.