Tel Aviv

Zeig mir deine Freunde, und ich sage dir, wer du bist!" An diese Devise halten sich die beiden israelischen Parteivorsitzenden Amir Peretz und Ariel Scharon. Wie kostbare Trophäen präsentiert Peretz von der Arbeitspartei seine jüngsten Errungenschaften vor den Kameras: Seite an Seite stolz lächelnd mit dem Universitätspräsidenten und Wirtschaftsprofessor Avishay Braverman, Arm in Arm mit der prominenten Journalistin Shelly Yehimowitz. Auch Popsänger Kobi Oz hat ihm seine Unterstützung zugesagt. Mit diesem Team will Peretz Scharon als Ministerpräsident herausfordern.

Scharon an der Spitze seiner neuen Partei Kadima (Vorwärts) zieht nach, als wäre es ein Prominentenwettbewerb. Zu seinen Stars gehören zum Beispiel Uriel Reichman, der die säkulare Mittelklassepartei Shinui gegründet hat, der ehemalige Innengeheimdienstchef Avi Dichter sowie eine ganze Reihe von Politikern, die aus der Arbeitspartei übergelaufen sind. Darunter deren langjähriger Vorsitzende, Friedensnobelpreisträger Schimon Peres, der Scharon ein sanfteres Image verleihen und dadurch dem Gegner Stimmen wegnehmen soll.

Peretz und Scharon erinnern ein wenig an Fußballmanager, die sich die besten Spieler einkaufen. Statt Geld bieten sie ihren Stars gute Listenplätze für die Wahl Ende März. Seitdem der in Marokko geborene Peretz die traditionell europäisch geprägte Arbeitspartei eroberte, gibt es dort plötzlich so viele neue Köpfe, dass angestammte Mitglieder bereits um ihren künftigen Platz in der Knesset fürchten. Die "Neuen" wiederum scheren sich weniger um die Partei, sie scharen sich vor allem um den Parteivorsitzenden, einen Außenseiter, der mit seinem breiten Schnurrbart wie eine Mischung aus Stalin und Groucho Marx aussieht.

Der ehemalige Gewerkschaftsvorsitzende Peretz hat die wachsende Armut im Land auf die Tagesordnung gesetzt und damit eine längst überfällige Debatte über Mindestlohn und Wohlstandsgefälle in Gang gebracht. Mit Erfolg. Im nun begonnenen Wahlkampf werben plötzlich alle Kandidaten mit ihren "sozialen" Fähigkeiten. So erzählt Verteidigungsminister Shaul Mofaz, der sich um den Posten des neuen Likud-Chefs bewirbt, dass er als Kind am eigenen Leibe finanzielle Not erfahren habe, was ihn mehr zum Parteichef befähige als Benjamin Netanjahu. Auch Scharon erklärt in seinen Reden der Armut den Krieg.

Amir Peretz spricht von einer Rückbesinnung auf die alten Werte der Arbeitspartei. Denn in den vergangenen Jahren rekrutierten sich ihre Stammwähler eher aus der Kaviarlinken als aus dem einfachen Fußvolk. Damit er mit solchen Ansichten jedoch nicht gleich die hoch besteuerte Mittelklasse verschreckt, hat Peretz Avishay Braverman zum Finanzminister in seinem Schattenkabinett auserkoren. Der Präsident der Ben-Gurion-Universität im Negev und ehemalige Weltbank-Mitarbeiter hält Sozialpolitik ebenfalls für ein wichtiges Thema, bloß dürfe sie keinesfalls rückwärts gewandt sein. "Haben Sie keine Angst vor Peretz, er ist kein Kommunist", sagte Braverman bei seinem ersten Auftritt an Peretz’ Seite. Er plädierte für das sozialdemokratische Modell eines Tony Blair, für eine "freie Marktwirtschaft, Investitionen und Wachstum". Zugleich aber dürfe nicht länger akzeptiert werden, dass Israel zum Staat "mit der höchsten Armutsrate und dem niedrigsten Bildungsniveau in der westlichen Welt" geworden sei.