Aus guten Gründen beschäftigte sich die Forschung über den Holocaust vor allem mit dem Vernichtungskrieg im Osten. Der Dimension des Verbrechens war das angemessen, denn die Zahl der Opfer geht hier in die Millionen. Doch auch ein Blick nach Westen war längst fällig. Zwischen 1940 und 1944 wurden rund 76000 französische und nach Frankreich emigrierte Juden in die Vernichtungslager deportiert. Nur 2560 Überlebende kehrten 1945 zurück.

Ahlrich Meyer rekonstruiert in seinem grundlegenden Werk minutiös, wie sich die Verhaftung, Internierung und Deportation der Juden zunächst im besetzten Teil Frankreichs, danach im ganzen Land abgespielt hat. Zusätzlich untersucht er die Aussagen von Angehörigen der Besatzungsmacht, die diese in den sechziger und siebziger Jahren vor deutschen Kriminalbeamten, Staatsanwälten und Richtern machten. Sie lassen erkennen, wie sich Beschuldigte und Zeugen die Vergangenheit zurechtlegten und wie bundesdeutsche Gerichte und die Öffentlichkeit mit diesen Erinnerungen – und vor allem mit den klaffenden Lücken darin – umgingen.

Im Labyrinth konkurrierender Zuständigkeiten

Mit dem "Judenproblem", wie es in der Sprache der Bürokratie hieß, beschäftigten sich im besetzten Frankreich hauptsächlich drei Institutionen, die unterschiedliche Ziele verfolgten und in ihren Zuständigkeiten nur unzulänglich voneinander abgegrenzt waren. Zwischen der Militärverwaltung, der SS und der deutschen Botschaft kam es ebenso zu heftigen Auseinandersetzungen wie mit dem formell souveränen Regime in Vichy.

Meyer zeigt, wie das deutsche Besatzungsregime – analog zur Entwicklung im Reich – zunächst die fortschreitende Entrechtung der Juden betrieb. Der Botschafter Otto Abetz forderte schon im Sommer 1940 "antisemitische Sofortmaßnahmen". Darauf folgten im Herbst und Winter Verordnungen, nach denen jüdische Betriebe als solche gekennzeichnet werden mussten, danach Maßnahmen zur Enteignung und zuletzt Gewerbe- und Beschäftigungsverbote. Noch bevor die Vichy-Regierung im Oktober 1940 ihr Juden-Statut erließ, setzte die deutsche Besatzung ihre in Kraft.

Im September 1940 installierte das Reichssicherheitshauptamt Theodor Dannecker als Chef des Judenreferats in Paris, das den ehrgeizigen Technokraten Helmut Knochen, dem Leiter der Sicherheitspolizei (Sipo), und Carl-Albrecht Oberg, dem Höheren SS- und Polizeiführer, unterstellt war. Schon ein Jahr vor der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 forderte Dannecker die Vertreibung der Juden aus Europa in "ein noch zu bestimmendes Territorium" und sprach von einem "Endlösungsprojekt". Bevor Heydrichs und Himmlers Scharfmacher mehr Befugnisse bekamen, betrieben die deutsche Botschaft und die deutsche Militärverwaltung – mit Werner Best als Chef der Verwaltung – die Internierung ausländischer Juden in Zusammenarbeit mit dem Generalkommissariat für Judenfragen der Vichy-Regierung. Diese achtete jetzt wie später darauf, dass die Verhaftung der Juden von französischen Polizisten vorgenommen wurde und deutsche Truppen die Willkürakte nur militärisch sicherten. Meyer weist nach, wie dieser Prestigekampf der Vichy-Regierung den deutschen Offizieren und Verwaltungsbeamten nach 1945 zu einer sauberen Weste verhalf. Mit dem Hinweis, französische Polizei – und nicht deutsche Organe – hätte die Juden verhaftet, redeten sie sich von aller Verantwortung für die Beihilfe zum Massenmord frei. Von deutschen Gerichten wurden 1979/80 lediglich drei von Dutzenden deutscher Spitzenbeamter rechtskräftig verurteilt. Viele machten nach dem Krieg in Bundes- und Landesverwaltungen steile Karrieren.

Die Situation Juden in Frankreich verschlechterte sich schlagartig nach Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion. Die französische Widerstandsbewegung intensivierte ihre Attentate und Sabotageakte. Die deutsche Besatzungsarmee reagierte zunächst mit Geiselerschießungen, aber der Militärbefehlshaber Otto von Stülpnagel wie sein Nachfolger Carl Heinrich von Stülpnagel erkannten schnell die zwiespältige Wirkung dieser Maßnahmen: Sie schreckten niemanden ab, erhöhten aber das Ansehen der Résistance. Sie forderten deshalb die Deportation von 1000 Juden für jedes Attentat und die Errichtung von Lagern. Wegen Transportschwierigkeiten konnte der erste Zug mit 1112 Juden Frankreich erst am 27. März 1942 in Richtung Auschwitz verlassen. Damit schlug die Widerstandsbekämpfung um "in eine radikale antijüdische Politik", so der Autor.