Wer über den Montparnasse-Friedhof in Paris schlendert und sich dabei genügend Zeit nimmt, stößt in einem entlegenen Winkel, abseits der Gräber Prominenter wie Samuel Beckett, Marguerite Duras und Jean-Paul Sartre/Simone de Beauvoir, auf die letzte Ruhestätte von Alfred Dreyfus, dessen Namen die vielleicht berühmteste Skandalgeschichte der neueren französischen Geschichte trägt. Als Dreyfus 1935 starb, war die nach ihm benannte Spionageaffäre bereits Historie geworden. Léon Blum, der ein Jahr später zum Ministerpräsidenten einer Volksfrontregierung avancierte, nahm den Tod des Protagonisten zum Anlass, sich der Geschichte zu erinnern, einer Geschichte, die ihn und eine ganze Generation von Intellektuellen – der Begriff "Intellektueller" tauchte um 1900 erstmals in der öffentlichen Sprache auf – mitriss und politisierte.

Im Mittelpunkt der Erzählung stehen die amissi amici, denen sie gewidmet ist, die verlorenen, das heißt die verstorbenen Freunde und Mitstreiter: Lucien Herr, Bernard Lazare, Georges Clemenceau, Jean Jaurès, Anatole France, Émile Zola – dessen empörtes J’accuse die französische und europäische Öffentlichkeit wie kaum ein anderes Ereignis mobilisierte und polarisierte – und die vielen anderen, die wie der junge Blum gegen das nationalistische und antisemitische Komplott des französischen Generalstabs und gegen eine verhetzte Öffentlichkeit kämpften, um die Rehabilitierung des fälschlich angeklagten und verurteilten jüdischen Hauptmanns Alfred Dreyfus durchzusetzen. Blum erzählt die Geschichte nicht, "wie sie wirklich gewesen", sondern aus der persönlichen Erinnerung dessen, für den die Dreyfus-Affäre schlechthin alles bedeutete – die Initiation in die Sphäre des Politischen, in der um Wahrheit und Gerechtigkeit gerungen wird. Der Schwung der Erzählung, die wiedergefundene Zeit einer frühen Leidenschaft, die lebhafte, farbige Sprache des politischen Engagements, nicht zuletzt der Unterhaltungswert einer Geschichte unglaublicher Intrigen und Verschwörungen – all das macht Blums Erinnerungen auch heute noch zu einem höchst lesenswerten zeitgeschichtlichen Dokument. Dass der Berenberg Verlag und sein Übersetzer und Kommentator Joachim Kalka es dem unverdienten Vergessen entrissen haben, sei hier dankbar vermerkt.

Freilich ist der Text von einer Erfahrung grundiert, die weiter reicht als die abgeschlossene Episode der Dreyfus-Affäre. Jahrzehnte später fragt sich der Autor voller Ratlosigkeit, woher der abgründig finstere Hass stammt, mit dem die französische Rechte die Juden überzog. Für Blum besteht "das innerste Geheimnis" des Skandals im Furor des Antisemitismus, in dessen Unbelehrbarkeit und Unerklärbarkeit – er bleibt ein "Rätsel": "Was trieb sie an? Was lenkte sie? Selbst heute, im Abstand von fünfunddreißig Jahren, da ich diese Vergangenheit mit gereifter und kühler Vernunft betrachte, scheint es mir, als fehlten mir immer noch Elemente einer Lösung dieser Frage."

Die Antwort auf diese Frage muss wohl lauten, dass es für den nationalistisch und rassistisch motivierten Judenhass keine Erklärung gibt, dass er grundlos, leer, monströs ist und insofern bis heute eine Bedrohung darstellt, der mit keiner Vernunft beizukommen ist. Zwar gelang es den Dreyfusards nach jahrelangem Kampf, die ideologische Hegemonie des Antisemitismus auf der politischen Bühne Frankreichs zurückzudrängen. Aber seine Virulenz blieb ungebrochen, wie die spätere Geschichte der Dritten Republik und ihrer Kapitulation vor Hitler zeigt. Deshalb, und angesichts immer wiederkehrender Erfahrungen, liest man Léon Blums Beschwörung der Schatten auch heute nicht ohne eine gewisse Beklemmung. Denn wie die Dummheit ist auch der Antisemitismus unsterblich.