Man möge doch bitte, hat der große, alte Historiker Eric Hobsbawm vor einiger Zeit auf einer Tagung erklärt, der Erinnerung der Zeitzeugen nicht trauen, weil sie sich dauernd selbst dekonstruiere und rekonstruiere. Er mag ja Recht haben. Die Frage ist nur, ob wir Geschichte – historisch korrekt dargeboten, wenn es das denn überhaupt geben sollte – besser begreifen ohne die Zugabe der Erinnerung. Eher braucht man wohl beide Quellen, um sich ein Urteil bilden zu können; oder besser gesagt, um dann erst recht nicht mehr zu wagen, sich ein Urteil anzumaßen.

Ganz gewiss sind es die Stimmen der Überlebenden, die den abstrakten Schrecken dieses 20., barbarischen Jahrhunderts als menschliche Tragödie begreifbar machen. Und es sind ihre Erfahrungen mehr als alles andere, die uns Nachgeborene wachsam werden lassen für das, was geschieht, wenn Ideologie, wenn Fanatismus genau das im Menschen erstickt, was ihn ausmachen sollte, das Humanum. Wenn Kinder mit Lust ihre Eltern denunzieren, wenn Arbeitskollegen kaum wagen, miteinander zu sprechen, weil jedes Wort falsch ausgelegt und zu einer Anzeige führen könnte. Wenn die Angst nicht nur Angst gebiert, sondern Denunziantentum, Machtlust und Feigheit. Doch darf man Feigheit verachten, wenn sie lebensrettend sein kann? "Er war feige", heißt es an einer Stelle in dem Buch von Masha Gessen, "wer es nicht war, wurde umgebracht."

Vergebliche Suche nach einem anständigen Kompromiss

Masha Gessen ist Russin, die als Zwölfjährige mit ihren Eltern in die USA emigrierte. Zehn Jahre später kehrt sie bang und sehnsüchtig zurück in das Land ihrer Kindheit. Heute lebt sie teils in Moskau – als amerikanische Journalistin – und teils in Boston mit Lehrauftrag in Harvard.

Irgendwann haben ihre Großmütter angefangen, ihre Lebens-, ihre Überlebensgeschichten zu erzählen. Von der Hoffnung auf eine neue Zeit im Kommunismus, die so kurz währte, von der Angst, der Anpassung, der Ausgrenzung, von Hunger, Widerspruch und Diskriminierung und wieder von der Angst. Und immer wieder auch von der womöglich vergeblichen Suche nach dem anständigen Kompromiss.

Esther und Rusja sind Freundinnen, lange bevor ihre Kinder heiraten und sie zu gemeinsamen Großmüttern machen. Beide sind Jüdinnen. Zionistin die eine, Jüdin nicht ohne Widerwillen die andere. Rusja ist in Moskau geboren und wächst auf in einer Zeit, in der die Geheimpolizei herrscht, Verwandte und Freunde in Gefängnissen verschwinden oder in den Ural verbannt werden. Die meisten aus Rusjas Generation verloren "ihre Illusionen nur langsam oder überhaupt nicht". Obwohl die Verhaftungen begannen, als sie Kinder waren, und jedes Wohnhaus erreicht hatten, als sie Jugendliche wurden. In Rusja allerdings wuchs die Gewissheit, dass jeder zum Opfer werden konnte.

Esther kommt aus Polen, aus Bia¬ystok, wo Juden zwanzig Generationen lang eine Heimat hatten – bis der polnische Antisemitismus wüster wird, bis die Deutschen kommen. Vor denen Esther flieht. Moskau ist ihre große Hoffnung. Ihre Eltern sind in Polen geblieben, und Jakub, ihr Vater, gehört Anfang der vierziger Jahren dem Judenrat in Bia¬ystok an. Auch ihm hat Masha Gessen ein Kapitel gewidmet und noch einmal anschaulich und anrührend den furchtbaren Konflikt geschildert, in dem sich befand, wer mit den Deutschen zu kooperieren versuchte, Listen für Abtransporte schrieb, die schwachen Alten wegschickte, um die Jungen womöglich retten zu können. Todes- oder Lebensengel? Verräter oder Retter?

Als Esther und Rusja sich treffen, sind sie noch jung. Groß, schlank, elegant und lebhaft die eine, klein, solide gebaut und scheu die andere. Sie sind Mitte 30 und haben doch schon mehrere Leben hinter sich. Haben den Schrecken des Krieges in Moskau, im turkmenischen Aschgabad und in Sibiren überlebt und auch den Stalinismus; haben sich ideologisch nicht verblenden lassen. Im Gegenteil. Sie haben vieles sehr klar gesehen. Haben vieles sehen müssen, weil es sie selbst betraf. Waren sie doch jüdisch. Als "wurzellose Kosmopoliten" in vielen Berufen nicht zugelassen, Opfer von Denunziationen und Demütigungen.

Es ist der Antisemitismus, der sich durch das Leben dieser Frauen zieht. Wie durch das Leben ihrer Eltern und Großeltern und das Leben ihrer Kinder und Enkel. Als Esther in Polen zur Schule ging, wurden katholische Priester an ihr Gymnasium geschickt, "um die staatlichen Prüfungen abzunehmen und zu versuchen, die Juden durchfallen zu lassen". Als ihr Sohn, der unbedingt Physiker werden möchte, 1961 in der physikalischen Abteilung der Moskauer Staatsuniversität sein Examen in Mathematik ablegen möchte, behält der Professor ihn über Stunden in der Prüfung. Der Junge ist leider richtig gut, löst eine Aufgabe nach der anderen. Mühelos. Er hat gebüffelt. Doch dann sagt er ein einziges Mal: "Lassen Sie mich eine Sekunde nachdenken." Und der Professor hat endlich, was er die ganze Zeit wollte, einen Grund, diesen Juden abzulehnen. "Sie hätten nachdenken sollen, bevor Sie hierherkamen", schreit er. Und lässt den Jungen durchfallen.