Am 17. Januar 1943 nahm der Hauptmann Fritz Hartnagel in einem Brief aus Stalingrad Abschied von seiner Freundin Sophie Scholl: »Seit 8 Tagen sind wir bei 30° Kälte im Freien gelegen, ohne eine Möglichkeit uns aufzuwärmen. Mein Btl. ist vollkommen aufgerieben. Ich selbst habe beide Hände erfroren, davon 2 Finger mit Erfrierungen 3. Grades… Ich weiß nicht, wie nun alles weitergehen wird. Die Lage ist hier ziemlich hoffnungslos.«

Doch wie durch ein Wunder gelang es Hartnagel am 22. Januar, mit einer der letzten Maschinen dem Kessel von Stalingrad zu entkommen. Am 17. Februar 1943 schrieb er Sophie Scholl aus einem Lazarett in Lemberg: »Manchmal … wird es mir ganz bang, wenn ich dran denke, daß 3 Monate vergangen sind, seit ich die letzte Nachricht von Dir und auch von zu Hause erhalten habe. Könnte sich in dieser langen Zeit nicht auch manch Schlimmes ereignet haben?«

Die Ahnung trog nicht. Einen Tag später, am 18. Februar, wurden Hans und Sophie Scholl beim Verteilen von Flugblättern in der Münchner Universität vom Pedell überrascht und wenig später verhaftet. Bereits am 22. Februar, nach einem kurzen, von Roland Freisler, dem Präsidenten des Volksgerichtshofs geleiteten Prozess, wurden sie zusammen mit ihrem Kommilitonen Christoph Probst zum Tode verurteilt und im Gefängnis München-Stadelheim enthauptet. An ebendiesem Tage erhielt Fritz Hartnagel in Lemberg den lang ersehnten Brief Sophie Scholls, den sie am 16. Februar, zwei Tage vor ihrer Verhaftung, geschrieben hatte: »Gestern habe ich einen wunderbaren blühenden Stock gekauft, er steht vor mir auf dem Schreibtisch am hellen Fenster, seine graziösen Ranken, über und über mit zarten lila Blüten besetzt, schweben vor und über mir. Er ist in meinen Augen und meinem Herzen eine rechte Freude, und ich wünsche mir nur, daß Du kommst, bevor er verblüht ist. Wann wirst Du kommen?«

Die gesamte Korrespondenz hat sich glücklicherweise erhalten – bis auf jene Briefe Sophie Scholls zwischen März 1941 und Januar 1943, die Fritz Hartnagel während des Russlandfeldzugs mit sich führte und die in Stalingrad verloren gingen (mit Ausnahme einiger weniger Rückläufer, die nicht zugestellt werden konnten). Nach 1945 verwahrte Hartnagel den Briefwechsel auf dem Dachboden des Ulmer Familienhauses. Erst Anfang der achtziger Jahre konnte ihm Inge Jens die Erlaubnis abringen, wenigstens einen Teil der Briefe Sophies an ihren Freund in Auszügen zu veröffentlichen (Hans Scholl und Sophie Scholl: Briefe und Aufzeichnungen ; S. Fischer Verlag 1984). Seine eigenen Briefe aber sollten für immer verschlossen bleiben. Er glaubte, dass es sich hier um rein persönliche Dokumente handelte, welche die Öffentlichkeit nicht zu interessieren hätten. Außerdem wollte er jeden Anschein vermeiden, aus dem Nachruhm der Geschwister Scholl für sich selbst Nutzen zu ziehen. » Wir waren nicht im Widerstand«, pflegte er zu sagen – eine ehrenwerte Haltung, zumal wenn man bedenkt, wie viele Deutsche nach 1945 plötzlich im Widerstand gegen Hitler gewesen sein wollten.

»Was möchtest Du an mir haben?«, fragt sie ihn im Januar 1939 ganz direkt

Dennoch: Allein die Tatsache, dass Sophie Scholl sich ihn zum Freund erkor, dass sie sich über Jahre intensiv brieflich und gedanklich austauschten, macht Fritz Hartnagel zu einer interessanten Figur der Zeitgeschichte, und dass er nach der Hinrichtung Hans und Sophie Scholls kein Risiko scheute, um die in »Sippenhaft« genommene Familie Scholl zu unterstützen, rückt ihn erst recht ins Umfeld des Widerstands. So hat es wohl auch Sophies Schwester Elisabeth gesehen, die Hartnagel im Oktober 1945 geheiratet hatte. Denn nach dem Tode ihres Mannes 2001 begann die letzte Überlebende der fünf Geschwister Scholl damit, die Briefe abzuschreiben. Im Februar 2003, zum 60. Jahrestag der Münchner Ereignisse, stellte sie erstmals Schülern der Ulmer Schauspielschule Auszüge für eine Lesung zur Verfügung, und sie gestattete dem Publizisten Hermann Vinke, das Material für eine erste biografische Würdigung Fritz Hartnagels zu nutzen, die im Frühjahr dieses Jahres erschien (ZEIT Nr. 14/05).

Nun endlich hat Thomas Hartnagel, der älteste der vier Söhne, es auf sich genommen, den Briefwechsel herauszugeben und mit vielen erläuternden Anmerkungen zu versehen, die dem Leser das Verständnis erleichtern. Dass er sich damit über den ausdrücklichen Willen des Vaters hinwegsetzte, wie er noch einmal im Vorwort bekundet, dafür muss man ihm dankbar sein. Denn so verfügen wir über eines der ungewöhnlichsten, ergreifendsten Zeugnisse, die aus jener Zeit der finstersten Barbarei auf uns gekommen sind.

 

Die Korrespondenz setzt ein Ende November 1937. Kurz zuvor waren Inge, Hans und Werner Scholl von der Gestapo wegen »bündischer Umtriebe« verhaftet worden – ein Ereignis, das zur Abkehr der Geschwister vom Nationalsozialismus wesentlich beigetragen hat. Sophie Scholl, damals 16-jährige Schülerin an der Ulmer Mädchen-Oberrealschule, lädt den Leutnant Fritz Hartnagel, der in Augsburg stationiert ist, in kessem Ton zu einer privaten Tanzparty bei einer Freundin ein. Dabei sind sie sich offenbar näher gekommen. Zunächst ist es Sophie, die sich um den eher reservierten Offizier bemüht, doch bald kehrt sich das Verhältnis um . Fritz Hartnagel fasst eine heftige Zuneigung zu der vier Jahre jüngeren Gymnasiastin, und fast erschreckt geht diese auf Distanz. »In dem Verhältnis, in dem ich zu Dir stehe, kann ich nicht weiter bleiben… Der Grund? Ich bin einfach noch zu jung, lach bitte nicht, es ist so, es drückt mich zusammen… Ich schreibe Dir das, weil ich es nicht vertragen könnte, irgendwie unwahr zu Dir zu sein«, schreibt sie im August 1938.

Der Briefwechsel spiegelt das Auf und Ab einer Liebesbeziehung, die immer wieder von Missverständnissen und Schuldgefühlen belastet ist. Sophie will sich noch nicht fester binden, glaubt aber, dass ihr Freund ebendies von ihr erwartet. »Was möchtest Du an mir haben?«, fragt sie ihn im Januar 1939 ganz direkt, und er antwortet: »Nichts Sofie, gar nichts – nur, was Du mir schenken magst und kannst.« Das ist nicht ganz aufrichtig, denn natürlich möchte er mehr von ihr. Vieles bleibt in diesen Briefen ungesagt oder wird nur zart angedeutet, vor allem wenn es um das Tabuthema Sexualität geht. Auf Phasen einer scheinbar harmonischen Zwiesprache folgen Zeiten tiefer Verstimmungen und quälender Sprachlosigkeit.

Nicht nur die räumliche Entfernung macht eine Verständigung schwierig. Was sie trennt, sind ganz unterschiedliche Lebensentwürfe. Sophie kommt aus einer bildungsbürgerlichen Familie, in der Schubert-Lieder gesungen, Thomas-Mann-Romane gelesen und Mörike-Gedichte rezitiert werden. Für sie ist ausgemacht, dass sie nach dem Abitur ein Studium ergreifen wird. Fritz Hartnagel, von kleinbürgerlicher Herkunft, ohne das kulturelle Anregungsmilieu aufgewachsen, sieht seine Zukunft zunächst ganz in der militärischen Laufbahn. »Ich bin wieder mal restlos begeistert von meinem Soldatenberuf«, schreibt er im Oktober 1938, kurz nachdem auf der Münchner Konferenz der von Hitler gewollte Krieg noch einmal abgewendet worden war.

Den Beginn des Zweiten Weltkriegs erlebt der Leutnant mit seiner Nachrichtenkompanie am Oberrhein. »Wir warten nun stündlich, daß es hier bei uns zum Knallen kommt… Es macht sehr viel Spaß, wenn man mal seine Kriegsschulkenntnisse und Friedenstheorien in die Praxis umsetzen kann.« Doch für seine Freundin ist das eine entsetzliche Vorstellung: »Ich kann es nicht begreifen, daß nun dauernd Menschen in Lebensgefahr gebracht werden von anderen Menschen… Sag nicht, es ist für’s Vaterland.«

Der deutsche Vernichtungskrieg öffnet ihm endgültig die Augen

Damit ist der eigentliche Kern der Meinungsverschiedenheiten berührt. »Du bringst mich in einen großen Konflikt, wenn Du mich nach dem Sinn des ganzen Blutvergießens fragst«, beschwert er sich. Doch ebendies ist Sophies Absicht. Sie möchte den geliebten Freund zum Nachdenken bringen und ihn zur Umkehr bewegen. Und das gelingt ihr auch. Unter ihrem Einfluss, aber auch aufgrund eigener Erlebnisse im Kriege beginnen sich seine Anschauungen zu wandeln. Zunehmend zweifelt er am Sinn seines Tuns.

Im Spätsommer 1940, nachdem die Wehrmacht Frankreich überrannt hat, unternimmt er einen letzten Versuch, seine Vorstellung vom »Soldatenberuf« zu verteidigen. »Auch daß Staat und Partei das Soldatentum zu einem ihrer Schlagworte erhoben haben und dabei aber jedem soldatischen Denken zuwiderhandeln, ist kein Grund, das Soldatische an sich zu verurteilen.« Doch sie lässt das nicht gelten: »Ein Soldat hat doch einen Eid zu leisten, seine Aufgabe ist es doch, den Befehl seiner Regierung auszuführen… Du wirst doch nicht glauben, daß es die Aufgabe der Wehrmacht ist, den Menschen eine wahrhafte, bescheidene, aufrechte Haltung beizubringen.«

Wie Recht Sophie Scholl hatte, das muss Fritz Hartnagel spätestens während des Vernichtungskrieges der Wehrmacht gegen die Sowjetunion erkennen. Zunächst glaubt er, wie die meisten anderen Offiziere, an einen raschen Sieg, doch bereits Mitte August 1941 dämmert ihm, dass »die Russen noch lange nicht geschlagen« sind: »Aber wie dieser Feldzug auch bei günstigstem Verlauf beendet werden soll, ist mir doch ziemlich unklar… Mir graut davor, wenn ich daran denke, daß wir den Winter hier verbringen sollen.« Für ein Dreivierteljahr, von September 1941 bis Mai 1942, hält sich Hartnagel allerdings in Weimar auf, wo er einen neuen Nachrichtenzug für das Afrika-Korps zusammenstellen soll. In dieser Zeit trifft er sich an den Wochenenden oft mit Sophie, und es sind diese Monate, in denen sie ihre Differenzen ausgleichen und zu einer liebevollen, gleichberechtigten Beziehung finden.

Doch im Juni 1942 wird Fritz Hartnagel an den Südabschnitt der Ostfront kommandiert. Er sieht die Leichen sowjetischer Kriegsgefangener, die vor Erschöpfung zusammengebrochen und von ihren deutschen Bewachern erschossen worden sind, hört von Massenexekutionen der jüdischen Bevölkerung. In einem Brief vom 26. Juni 1942 berichtet er: »Es ist erschreckend, mit welcher zynischen Kaltschnäuzigkeit mein Kommandeur von der Abschlachtung sämtlicher Juden des besetzten Rußland erzählt und dabei von der Gerechtigkeit dieser Handlungsweise vollkommen überzeugt ist. Ich saß mit klopfendem Herzen da.«

Im Angesicht dieser Verbrechen wird aus dem einst militärbegeisterten Offizier endgültig ein Gegner des Krieges und des NS-Regimes. Seine Beförderung zum Hauptmann Anfang August 1942 kommentiert er mit den Worten: »Nun bin ich wieder eine Stufe weiter in ein System gedrängt, dem ich am liebsten den Rücken kehren möchte… Ich komme mir vor wie eine Puppe, die nach außen etwas darstellt, was sie innerlich gar nicht ist.«

Auch Sophie Scholl, das zeigt diese Korrespondenz, macht einen Lernprozess durch. Am Anfang begegnet sie uns als unbeschwerter Backfisch, der sich in der Schule langweilt, gern durch Wälder streift und von ausgedehnten Fahrten träumt. Doch zunehmend wird der Ton der Briefe ernster. Im April 1940, kurz nach ihrem Abitur, schreibt die fast 19-Jährige: »Ich mag gar nicht dran denken, aber es gibt ja bald nichts anderes mehr als Politik, und so lange sie so verworren ist und böse, ist es feige, sich von ihr abzuwenden.« Hier klingt zum ersten Mal das Motiv ihres Widerstands an, das sie im September 1940 noch deutlicher benennt, als Fritz Hartnagel sie bittet, ihm zu erklären, was sie mit dem Begriff »Volk« verbinde: »Ich finde, daß immer Gerechtigkeit höher steht als jede andere, oft sentimentale Anhänglichkeit.«

»Brave, herrliche junge Leute!«, bemerkte Thomas Mann

Wir, die wir das schreckliche Ende kennen, lesen manche scheinbar beiläufige Bemerkung als dunkle Vorahnung. So heißt es in einem Brief vom Juni 1940: »Und nur in einem winzigen Bruchteil meiner Handlungen tu ich, was ich für richtig halte. Oft graust mir vor diesen Handlungen, die über mir zusammenwachsen wie dunkle Berge, so daß ich mir nichts anderes wünsche als Nichtsein, oder als nur eine Ackerkrume zu sein, oder ein Stücklein einer Baumrinde.«

Ende Mai 1942, kurz bevor seine Einheit wieder nach Russland verlegt wird, trifft Fritz Hartnagel noch einmal seine Freundin, die gerade ihr Studium in München aufgenommen hat. Sie bittet ihn um Geld »für einen guten Zweck« und darum, einen Bezugsschein für einen Vervielfältigungsapparat mit einem Stempel seiner Kompanie zu versehen. Thomas Hartnagel deutet dies als Hinweis darauf, dass Sophie Scholl schon bald nach ihrer Ankunft in München in die Flugblattaktionen ihres Bruders und seiner Freunde Alexander Schmorell und Christoph Probst eingeweiht war und sie auch tatkräftig unterstützte. In einem ihrer letzten Briefe vom Herbst 1942, die sich erhalten haben, schreibt sie von der Angst, die sie ständig mit sich trage, und von der Sehnsucht, dass ihr jemand diese Angst abnehmen möge. »Ich bitte Dich: denke an mich in Deinem Gebet; ich will auch Dich nicht vergessen.« Die Eltern Scholl hatten ihre Kinder im Anschluss an den Prozess noch einmal im Gefängnis sehen dürfen. Darüber berichtete Frau Scholl in zwei Briefen an Fritz Hartnagel vom 23. und 25. Februar 1943, die Thomas Hartnagel »statt eines Nachworts« in seine Edition aufgenommen hat: »Sofie und Hans waren so gefaßt und abgeschlossen mit dem Leben, daß man selbst getröstet war. Sofie lehnte leicht und lächelnd an der Heizung und hatte einen Glanz in ihren Augen, den ich sonst nicht kannte. Sie ließ gar nichts mehr an sich herankommen, sie hatte wohl in diesen Tagen alles niedergekämpft.«

Man kann diese schmerzerfüllten Zeilen nicht ohne große innere Bewegung lesen, wie überhaupt die gesamte Korrespondenz einen auf seltene Weise anrührt. Wir lernen hier Sophie Scholl mit allen Facetten ihrer reichen Persönlichkeit kennen. Aber auch Fritz Hartnagel gewinnt eine eigene Statur. Er war eben nicht nur die eher uninteressante Figur am Rande, sondern ein bemerkenswert ernsthafter, sensibler Mann, der in der Begegnung mit der jüngeren, aber reiferen Freundin zu sich selbst fand.

»Brave, herrliche junge Leute! Ihr seid nicht umsonst gestorben, sollt nicht vergessen sein«, bemerkte Thomas Mann in einer Rundfunkrede aus Kalifornien vom Juni 1943 über die Mitglieder der Weißen Rose. Man stelle sich vor, es hätte viele ihresgleichen an deutschen Universitäten gegeben…

Sophie Scholl/Fritz Hartnagel: Damit wir uns nicht verlierenBriefwechsel 1937–1943; hrsg. von Thomas Hartnagel; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2005; 496 S., 25,– €Politisches BuchBriefwechsel 1937–1943; hrsg. von Thomas HartnagelSophie Scholl/Fritz HartnagelBuchS. Fischer Verlag2005Frankfurt a. M.25496