Politisches Buch Denke an mich in Deinem GebetSeite 3/3

Doch im Juni 1942 wird Fritz Hartnagel an den Südabschnitt der Ostfront kommandiert. Er sieht die Leichen sowjetischer Kriegsgefangener, die vor Erschöpfung zusammengebrochen und von ihren deutschen Bewachern erschossen worden sind, hört von Massenexekutionen der jüdischen Bevölkerung. In einem Brief vom 26. Juni 1942 berichtet er: »Es ist erschreckend, mit welcher zynischen Kaltschnäuzigkeit mein Kommandeur von der Abschlachtung sämtlicher Juden des besetzten Rußland erzählt und dabei von der Gerechtigkeit dieser Handlungsweise vollkommen überzeugt ist. Ich saß mit klopfendem Herzen da.«

Im Angesicht dieser Verbrechen wird aus dem einst militärbegeisterten Offizier endgültig ein Gegner des Krieges und des NS-Regimes. Seine Beförderung zum Hauptmann Anfang August 1942 kommentiert er mit den Worten: »Nun bin ich wieder eine Stufe weiter in ein System gedrängt, dem ich am liebsten den Rücken kehren möchte… Ich komme mir vor wie eine Puppe, die nach außen etwas darstellt, was sie innerlich gar nicht ist.«

Auch Sophie Scholl, das zeigt diese Korrespondenz, macht einen Lernprozess durch. Am Anfang begegnet sie uns als unbeschwerter Backfisch, der sich in der Schule langweilt, gern durch Wälder streift und von ausgedehnten Fahrten träumt. Doch zunehmend wird der Ton der Briefe ernster. Im April 1940, kurz nach ihrem Abitur, schreibt die fast 19-Jährige: »Ich mag gar nicht dran denken, aber es gibt ja bald nichts anderes mehr als Politik, und so lange sie so verworren ist und böse, ist es feige, sich von ihr abzuwenden.« Hier klingt zum ersten Mal das Motiv ihres Widerstands an, das sie im September 1940 noch deutlicher benennt, als Fritz Hartnagel sie bittet, ihm zu erklären, was sie mit dem Begriff »Volk« verbinde: »Ich finde, daß immer Gerechtigkeit höher steht als jede andere, oft sentimentale Anhänglichkeit.«

»Brave, herrliche junge Leute!«, bemerkte Thomas Mann

Wir, die wir das schreckliche Ende kennen, lesen manche scheinbar beiläufige Bemerkung als dunkle Vorahnung. So heißt es in einem Brief vom Juni 1940: »Und nur in einem winzigen Bruchteil meiner Handlungen tu ich, was ich für richtig halte. Oft graust mir vor diesen Handlungen, die über mir zusammenwachsen wie dunkle Berge, so daß ich mir nichts anderes wünsche als Nichtsein, oder als nur eine Ackerkrume zu sein, oder ein Stücklein einer Baumrinde.«

Ende Mai 1942, kurz bevor seine Einheit wieder nach Russland verlegt wird, trifft Fritz Hartnagel noch einmal seine Freundin, die gerade ihr Studium in München aufgenommen hat. Sie bittet ihn um Geld »für einen guten Zweck« und darum, einen Bezugsschein für einen Vervielfältigungsapparat mit einem Stempel seiner Kompanie zu versehen. Thomas Hartnagel deutet dies als Hinweis darauf, dass Sophie Scholl schon bald nach ihrer Ankunft in München in die Flugblattaktionen ihres Bruders und seiner Freunde Alexander Schmorell und Christoph Probst eingeweiht war und sie auch tatkräftig unterstützte. In einem ihrer letzten Briefe vom Herbst 1942, die sich erhalten haben, schreibt sie von der Angst, die sie ständig mit sich trage, und von der Sehnsucht, dass ihr jemand diese Angst abnehmen möge. »Ich bitte Dich: denke an mich in Deinem Gebet; ich will auch Dich nicht vergessen.« Die Eltern Scholl hatten ihre Kinder im Anschluss an den Prozess noch einmal im Gefängnis sehen dürfen. Darüber berichtete Frau Scholl in zwei Briefen an Fritz Hartnagel vom 23. und 25. Februar 1943, die Thomas Hartnagel »statt eines Nachworts« in seine Edition aufgenommen hat: »Sofie und Hans waren so gefaßt und abgeschlossen mit dem Leben, daß man selbst getröstet war. Sofie lehnte leicht und lächelnd an der Heizung und hatte einen Glanz in ihren Augen, den ich sonst nicht kannte. Sie ließ gar nichts mehr an sich herankommen, sie hatte wohl in diesen Tagen alles niedergekämpft.«

Man kann diese schmerzerfüllten Zeilen nicht ohne große innere Bewegung lesen, wie überhaupt die gesamte Korrespondenz einen auf seltene Weise anrührt. Wir lernen hier Sophie Scholl mit allen Facetten ihrer reichen Persönlichkeit kennen. Aber auch Fritz Hartnagel gewinnt eine eigene Statur. Er war eben nicht nur die eher uninteressante Figur am Rande, sondern ein bemerkenswert ernsthafter, sensibler Mann, der in der Begegnung mit der jüngeren, aber reiferen Freundin zu sich selbst fand.

»Brave, herrliche junge Leute! Ihr seid nicht umsonst gestorben, sollt nicht vergessen sein«, bemerkte Thomas Mann in einer Rundfunkrede aus Kalifornien vom Juni 1943 über die Mitglieder der Weißen Rose. Man stelle sich vor, es hätte viele ihresgleichen an deutschen Universitäten gegeben…

Sophie Scholl/Fritz Hartnagel: Damit wir uns nicht verlierenBriefwechsel 1937–1943; hrsg. von Thomas Hartnagel; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2005; 496 S., 25,– €

 
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