"Es gibt keinen Schlussstrich", konstatierte Bundespräsident Köhler in seiner Ansprache zum 60. Jahrestag des 8. Mai 1945. Den mittlerweile hohen Stellenwert der Erinnerung untersucht der Historiker Peter Hurrelbrink in seiner umfangreichen Deutungsgeschichte. Er weist darauf hin, dass es immerhin ein Vierteljahrhundert währte, bis der 8. Mai über eine allerdings eher reservierte Kanzlerrede Willy Brandts ins Parlament gelangte.

Erst zum 30. Jahrestag des 8. Mai 1975 fand eine Zäsur im staatlich-repräsentativen Gedenken statt. In der Schlosskirche der Bonner Universität bekannte sich Bundespräsident Scheel zur Schuld, die bereits aus der Duldung und dem Wegsehen resultiere. Waren die Unionsführer Kohl und Carstens dieser Veranstaltung noch fern geblieben, so nahm sich der CDU-Vorsitzende als geschichtspolitisch ambitionierter Bundeskanzler des 40. Jahrestags umso beherzter an. Dabei löste er mit seinem gemeinsam mit dem US-Präsidenten Reagan veranstalteten Besuch des Bitburger Soldatenfriedhofs einen öffentlichen Skandal aus. Doch Richard von Weizsäckers Rede vor dem Bundestag rettete die Feier mit der fortan zur Staatsräson gerinnenden Feststellung: "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung."

Hurrelbrink schildert auch, wie zum 50. Jahrestag 1995 Konservative und Rechte aller Schattierungen die Revision des Präsidentendiktums offen oder kalt zu betreiben versuchen. Immerhin feierte das wiedervereinigte Deutschland mit den einstigen Siegermächten, darunter auch dem todkranken Mitterrand. Doch Roman Herzogs Rede vom "Kriegsende als einer Rückkehr zu den besseren geistigen Traditionen Europas" stellte nach Ansicht des Autors bereits einen "Rückfall in die schamkulturell geprägten 50er Jahre" dar.

Dieses Buch zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie die "Erinnerung an die Vergangenheit zu einem Wandel der politischen Kultur beigetragen" hat. Was wird jedoch von ihr übrig bleiben, wenn ein neuerdings propagiertes "Geschichtsgefühl" auch den 8. Mai in seine erlebnisgeschichtlichen Einzelmotive zerlegt, sodass verpflichtende Konsensformeln wie die Weizsäckers womöglich nur noch als störend empfunden werden? Norbert Seitz