Der Stoßseufzer Heinrich Heines aus dem Jahre 1846: "Ach, wenn ich das Glück hätte, ein Enkel Moses Mendelssohns zu sein!", war eher sarkastisch gemeint. Denn soeben hatte ihn ein unglücklicher Nachfahre des jüdischen Philosophen flehentlich um "Schutz und Beistand" gebeten: der steckbrieflich gesuchte Abenteurer Arnold Mendelssohn (1817 bis 1854). Er hatte seine Berufslaufbahn als Armenarzt in Berlin begonnen, wurde in die Revolutionswirren von 1848 verstrickt und zu einer Zuchthausstrafe verurteilt. Durch Intervention seiner einflussreichen Bankiersverwandtschaft kam er wieder frei und musste ins Exil. In Jerusalem gründete er ein Hospiz, unterstützte als Militärarzt die Türken im Krimkrieg und starb schließlich auf einem Gewaltmarsch in Mesopotamien.

Diese und andere bisher kaum bekannte Episoden aus dem Hause Mendelssohn kann man in dem Buch von Thomas Lackmann nachlesen. Anders als frühere Familienbiografen wie Sebastian Hensel (1897) oder Eckart Kleßmann (1990) beleuchtet Lackmann nicht nur das Milieu der Happy Few, sondern richtet den Blick auch auf weniger berühmte Künstler, Wissenschaftler, eigenwillig-emanzipierte Frauen und schwarze Schafe des weit verzweigten Clans. Er erzählt, über fünf Generationen hinweg, die Kulturgeschichte der Mendelssohns. Natürlich kommt auch Lackmann an den bekannten Bildern des deutsch-jüdischen Mythos nicht vorbei, der sich etwa um die Schicksalsbegegnung von Moses Mendelssohn und Lessing rankt. Doch wichtiger erscheint ihm die Beschreibung des existenziellen Dilemmas von Assimilation und Akkulturation.

Was Moses noch mit dem Optimismus des Aufklärers als Ziel formulierte, die Möglichkeit, als Jude getreu nach der Verfassung eines jeden Landes und zugleich nach jüdischen Gesetzen zu leben, blieb für die folgenden Generationen eine Illusion. Sie erlebten eine Periode religiöser Unsicherheit und später eine fundamentale Krise jüdischer Identität. Ein Beispiel dafür ist der Brief, den Abraham Mendelssohn, der zweite Sohn von Moses, 1820 an seine Tochter Fanny anlässlich ihres Übertritts zur lutherischen Kirche schrieb. Darin offenbarte er seine Zweifel an der Unsterblichkeit des Menschen und auch an der Existenz Gottes. Sein Religionsverständnis reduzierte sich auf den "Hang zu allem Guten, Wahren und Rechten".

Seiner Schwester Brendel (Dorothea Schlegel) war das zu wenig. Wie Rahel Varnhagen, Henriette Herz und andere Berliner Salondamen fand auch sie in Schleiermachers romantisch-mystischer Theologie jene Gefühlsseligkeit, die sie im Judentum vermisste. Später wechselte sie mit ihrem zweiten Ehemann Friedrich Schlegel zum Katholizismus, ein "Vergehen", das ihr der protestantische Familienchronist Sebastian Hensel nicht verzeihen wollte. Lackmann ist gnädiger: Dorothea habe zwar "radikale Schritte vollzogen, Name, Religion, Konfession, Ehemänner, Lebensstile gewechselt" – doch sie sei sich "treu" geblieben.

Aber was ist der Gradmesser für solche Urteile? Wo sind Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei einer jüdischen und deutschen Familiengeschichtsschreibung festzustellen? Warum sich gerade unter den Nachkommen des Autodidakten Moses aus Dessau und der Hamburger Kaufmannstochter Fromet Gugenheim "das besondere Mendelssohn-Soziotop der Begabten und Einflussreichen" entwickelt habe, könne, so Lackmann, kaum über Belege oder Argumente beantwortet werden.

Allerdings demonstriert der Autor, wie eine Darstellung der chronologischen Lebensphasen, also die zeitliche Dimension, mit einer analytischen Dimension zu verknüpfen ist. Aufschlussreich dafür ist der Vergleich von Mendelssohn-Säkularfeiern. Als es 1829 galt, den 100. Geburtstag des Ahnherrn Moses zu feiern, war der Anlass einigen christlichen Familienmitgliedern peinlich – auch Abraham ging lieber auf Geschäftsreise, als das Jubiläum zu begehen. 100 Jahre später waren die Gedenkfeiern ein öffentliches Ereignis und für die Nachkommen eine Pflichtveranstaltung. In der Zeit von 1829 bis 1929 haben sich die Mendelssohns als mächtige Bankiers, als Mäzene, Gelehrte, Musiker und Künstler zu einer bedeutenden bürgerlichen Dynastie in Preußen und Deutschland entwickelt.

Damit kommt eine Clan-Mentalität in den Blick und auch die Frage, ob diese aufgrund der latenten Bedrohung durch Antisemitismus spezifischer ausgeprägt war als bei nichtjüdischen Familien. Auch wenn im Jahre 1880 mit Marianne Mendelssohn, wie Lackmann schreibt, "die letzte Jüdin der Familie" starb, blieb in der Fremdwahrnehmung der Makel des Ursprungs. Obwohl die meisten Mendelssohns nach den Nürnberger Rassegesetzen nicht mehr als "jüdisch" galten, musste der Name des Bankhauses auf Druck der Nationalsozialisten verschwinden. Mendelssohn & Co ging 1938 in Liquidation, und die Deutsche Bank übernahm das Kundengeschäft. Alles das hat der Autor mit bewundernswerter Quellenkenntnis und mit großer Anschaulichkeit – die allerdings manchmal etwas zu salopp wirkt – nacherzählt. Dennoch vermisst der Leser etwas: Es fehlt ein Fazit, das uns erklärt, worin das besondere "Glück" der Mendelssohns bestanden haben soll.