Berlin, DDR, Anfang 1988. Fünf Jugendliche klettern mehrmals über die Mauer des Jüdischen Friedhofs in der Schönhauser Allee, stoßen Dutzende Grabsteine um und rufen dazu antisemitische Parolen. Als sie schließlich gefasst werden, hat die DDR ein Problem. Derlei Vorfälle passen nicht in ein Land, das sich als "wahre Heimstatt" der Juden darstellt. Es ist zudem ein kampagnengeschwängertes Jahr. Erich Honecker empfängt den Präsidenten des Jüdischen Weltbundes. Am 9. November soll der 50. Jahrestag des Novemberpogroms von 1938 begangen werden. In diesem Jahr findet der Prozess gegen die Friedhofsschänder statt, allesamt 16/17-jährige Schüler, zumeist aus zerrütteten Familien. Zur Verhandlung werden den Angeklagten die Haare kurz geschoren, um ihre Gefährlichkeit als "Neonazis" zu demonstrieren. In einem Schauprozess werden sie zu hohen Haftstrafen verurteilt, die schon vorher feststanden.

Parallel dazu wird versucht, die Schändungen des Friedhofes propagandistisch auszuschlachten, um die "Neonazis" wenigstens räumlich in die Nähe der Opposition zu rücken. Schon die ADN-Meldung nach der Verhaftung der Schüler war selbst für DDR-Verhältnisse äußerst ungewöhnlich: Darin wird ein "Frank Lehmann aus der Zionskirchstraße" namentlich als Initiator der Schändungen genannt. Nur wenige Monate zuvor hatten Sicherheitskräfte die Räume der Zionskirchgemeinde überfallen. "Vielleicht war dies nur ein Versuch, um den Ort auf unterschwellige Art erneut zu tabuisieren", schreibt die Historikerin und Journalistin Annette Leo.

Was sie, 17 Jahre danach, über die Ereignisse um den Jüdischen Friedhof recherchiert hat, liest sich wie ein spannendes Stück Zeitgeschichte. Es spiegelt "in der kleinen Welt zwischen Friedhof, Schule und Polizeirevier das ganze Panorama der späten DDR". Liane v. Billerbeck