Bevor sie als Wortführer der Studentenbewegung 1967/68 wieder in die Schlagzeilen rückten, wurden Berliner Studenten als Helden im Kalten Krieg gefeiert: als Tunnelgräber und Fluchthelfer, die sich mit dem Monstrum der Mauer nicht abfinden wollten und unter hohem Risiko Menschen zur Freiheit verhalfen. Aber das oft tragische Dilemma solcher Versuche zeigte sich früh. Das Buch von Marion Detjen beginnt mit einer charakteristischen Episode aus dieser dramatischen Geschichte der deutschen Teilung. Vor Weihnachten 1963 hatte eine Gruppe von circa 30 Studenten um Wolfgang Fuchs den längsten Tunnel von 140 Metern unter der Mauer hindurch fast fertig gestellt. Er sollte während der Feiertage, für die erstmals das Passierscheinabkommen ausgehandelt worden war, geöffnet werden. Doch der Berliner Verfassungsschutz verlangte eine Verschiebung auf den 5. Januar, an dem das Abkommen endete. Eine Wiederholung dieser Vereinbarung sollte nicht gefährdet werden. Am 8. Januar wurde das Unternehmen entdeckt und verraten. War der Berliner Senat schuld daran, dass 60 Menschen nicht wie geplant in die Freiheit des westlichen Stadtteils kriechen konnten?

Der Konflikt zwischen der Empörung über die Mauer und idealistisch motivierten Aktionen, sich damit nicht abzufinden, einerseits und der bitteren Einsicht andererseits, dass die Mauer nicht zu beseitigen war und nur eine Politik "der kleinen Schritte" wenigstens ihre schlimmsten Folgen mildern könne, war symptomatisch. Er prägte die weitere Entwicklung der Fluchthilfe bis in die achtziger Jahre. Dann setzte die Ausreisebewegung aus der DDR ihr faktisch ein Ende. Detjen ordnet diese zumeist auf ihre spektakulären Aspekte verengte Geschichte in die deutsch-deutschen Beziehungen vor und nach dem Mauerbau ein und bietet erstmals eine umfassende Gesamtdarstellung, die durch ihre minutiöse Rekonstruktion von Details ebenso wie durch ihr intellektuelles und stilistisches Niveau besticht. Wie sich eine solide Quellenbasis sichern lässt für diese – konspirativen Regeln folgenden und gelegentlich im Grenzbereich zur Kriminalität angesiedelten – Aktivitäten, wird in der Einleitung eingehend erörtert: ein Glanzstück wissenschaftlicher Reflexion über den Zugang zu einem abenteuerlichen Thema. Uwe Johnsons bislang unbekannte frühe Interviews mit Fluchthelfern gehören zu den hier ausgewerteten, höchst aufschlussreichen Quellen. Nation und Widerstand sind die beiden zentralen Kategorien, die den interpretatorischen Fluchtpunkt der sorgfältig recherchierten Untersuchung bilden. Denn ohne nationale Motive hätte es diese Formen von Widerstand gegen die Unterdrückung in einem diktatorischen System kaum gegeben. Der Einfallsreichtum der Fluchthelfer war enorm. Die Tunnelbauten – etwa 40 versuchte oder vollendete lassen sich bis in die siebziger Jahre nachweisen – bildeten nur einen kleinen, extrem aufwändigen und bei Erfolg und Misserfolg besonders sensationellen Weg. Andere Strategien bezogen sich auf Fälschung von Personalausweisen, Pässen, Passierscheinen, Umbau von Fluchtautos und so fort – im Grunde das gesamte klassische Instrumentarium von Widerstandsbewegungen.

Zu den bedeutendsten Gruppen der Tunnelbauer gehörten Detlef Girrmann und seine Freunde, zu den kommerziellen und zum Teil im Halbdunkel der Kriminalität agierenden Gruppen der Schweizer Hans Lenzlinger und seine Leute. Ihre große Zeit hatten die studentischen Gruppen in den ersten beiden Jahren nach dem Mauerbau bis etwa 1963. Sie kompensierten mit ihren Aktivitäten das Gefühl völliger Ohnmacht und fanden großen Rückhalt in der Öffentlichkeit und in der Politik. Illustrierte konkurrierten um Bilder und Geschichten. Deren Verkauf war wichtig für die Finanzierung, aber auch doppelt riskant, weil die uneigennützigen Motive der Fluchthelfer infrage gestellt wurde n und die Gefahr der Dekonspiration wuchs. Der Stasi gelang es bald, Spitzel einzuschleusen und auch die Berichterstattung in der Westpresse zu beeinflussen. Die politische und finanzielle Unterstützung im Westen ließ im Zuge der Entspannungspolitik und der insgeheim ausgebauten Kanäle zum Häftlingsfreikauf schnell nach. Zudem geriet die ursprünglich idealistisch motivierte Fluchthilfe durch die wachsende Zahl von kommerziellen Fluchthelfern massiv in Misskredit. Das galt nicht zuletzt für die neue Phase, die mit dem Transitabkommen von 1972 eingeleitet wurde. Der Missbrauch der Transitwege durch den von der DDR lautstark angeprangerten "Menschenhandel" bekam für die Bundesrepublik nicht nur politische, sondern in Einzelfällen auch strafrechtliche Dimensionen.

Marion Detjen entwirrt das dichte Knäuel von moralischen, rechtlichen, finanziellen, nationalen und internationalen Aspekten und setzt sich damit immer wieder in abwägenden Urteilen mit dem Dilemma jeder Widerstandsbewegung auseinander. Sie erzählt viele spannende Geschichten, aber darin geht das Buch in keiner Weise auf. Insofern ist der Anspruch einer umfassenden, in das komplizierte deutsch-deutsch-alliierte Koordinatensystem integrierten Gesamtdarstellung dieses Ausschnitts der deutschen Nachkriegsgeschichte überzeugend gelungen.