Heute gibt es sie in jeder Stadt, in jedem Stadtteil, in jeder Straße – spöttisch möchte man sagen: in jeder Wohnung. Und erst recht in jedem Kopf: "Erinnerungsorte", also Plätze und Symbole, an die sich Menschen gerne erinnern oder – eher ungern – erinnert werden. Doch hinter dem modischen, mittlerweile auch von der Tourismusbranche entdeckten Schlagwort verbirgt sich in Wahrheit ein französisches Geschichtsprojekt mit internationaler Resonanz, dessen Anfänge jetzt zu besichtigen sind.

Paris in den 1980er Jahren: Nicht nur die konservative Nationalgeschichte, auch alle Ansätze einer linken – ob marxistischen oder sozialgeschichtlichen – Gesamtgeschichte der französischen Nation scheinen hoffnungslos überholt. Obwohl sich Fernand Braudel, einer der letzten großen Repräsentanten der Annales- Geschichtsschreibung, noch kurz vor seinem Tod an einer mehrdimensionalen Frankreich-Geschichte versucht (L’identité de la France, auf Deutsch unter dem Titel Frankreich bei Klett-Cotta erschienen), wollen viele Historiker mit solchen "Meistererzählungen" nichts mehr zu tun haben. "Wir erleben heute eine Aufsplitterung der Geschichte", diagnostizierte damals Pierre Nora, Cheflektor im Verlag Gallimard und zugleich Dozent an der elitären Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales. Sowohl der postmoderne Zeitgeist als auch der Trend zur "historischen Anthropologie" verlangten nach neuen Fragestellungen und Darstellungsformen: die eigene Geschichte einmal so zu beobachten, als ob man von einer fernen Insel käme. Während damals in Deutschland die "Alltagsgeschichte" noch um akademische Anerkennung kämpfte, hatte sich ihr französisches Pendant ohne Mühe etabliert und den Buchmarkt erobert. Bei den Feiern zum 200-jährigen Jubiläum der Französischen Revolution 1989 kam es zum letzten Mal zur Konfrontation: zwischen einer Historie der nationalen Kontinuität und einer Geschichtsschreibung der neuen Unübersichtlichkeit.

Auf diesem Hintergrund lancierte Nora, der stets ein feines Gespür für Markt und Zeitgeist hatte, ein breit angelegtes Projekt, das die traditionellen Nationalgeschichten definitiv überwinden oder vielmehr unterlaufen sollte. Er nannte es: Les lieux de mémoire, Gedächtnisorte. In einer Vielzahl von Einzelstudien über Gedenkstätten und Institutionen, Symbole oder Schlagworte sollten Grundmuster der neueren französischen Geschichte im Hinblick auf deren heutige Wahrnehmung betrachtet werden.

Geschichte, gegen den Strich der Tradition gebürstet

Eine Art "Geschichtsschreibung zweiten Grades" also, denn im Mittelpunkt sollte weder eine Nacherzählung von Ereignissen noch eine Analyse realer Prozesse stehen, sondern deren jeweilige Wahrnehmung und spätere Speicherung im kollektiven Gedächtnis der Nation. In Anlehnung an den Gedächtnisbegriff des in Buchenwald ermordeten Soziologen Maurice Halbwachs gingen Nora und seine Mitautoren von einem latenten Gegensatz zwischen Geschichtswissenschaft und Gedächtnis aus, und von der Konfrontation beider Ebenen versprachen sie sich ideologiekritische Impulse.

Am Anfang waren die Lieux de mémoire "nur" auf drei Bände angelegt, die sich auf die Periode der Dritten Republik (1871 bis 1940) und die beiden Weltkriege konzentrieren sollten; am Schluss wurden es dann sieben stattliche Bände mit über 130 Beiträgen, an denen sich viele der innovativsten und heute bekanntesten französischen Historiker beteiligten: von Jacques Le Goff bis Alain Corbin, von Mona Ozouf bis Michelle Perrot. In ihren meist recht langen, gründlich recherchierten und reich illustrierten Essays gelang es den Autoren, die Geschichte Frankreichs völlig neu aufzurollen – gegen den Strich der Tradition. Der Erfolg bei Lesern und Wissenschaftlern war überwältigend. Allerdings mit einer paradoxen Wirkung: Der Name des Projekts wurde zum Schlagwort, und das flächendeckend angewandte Konzept der Gedächtnisgeschichte entwickelte sich weltweit zum Selbstläufer. So wurde die Innovation oft genug von der Mode wieder eingeholt und die beabsichtigte Traditionskritik in eine neue, scheinbar weniger erdrückende, weil punktuelle Form der Traditionsstiftung verwandelt. Denn unter dem schönen Namen Erinnerungsort kann sich heute jeder Bismarck-Turm und jedes Kriegerdenkmal wieder neu legitimieren.

Von einer solchen Banalisierung ist das Original der Lieux de mémoire noch weit entfernt. Wer sich die Lektüre der französischen sieben Bände nicht zutraut, mag jetzt auf eine einbändige Auswahlausgabe zurückgreifen, die im Beck-Verlag erschienen ist. Umrahmt von programmatischen Ausführungen des Herausgebers. enthält sie einige der schönsten und für eilige Ausländer wohl auch interessantesten Beiträge: über Paris und "die Provinz", über "Gaullisten und Kommunisten", über Jeanne d’Arc und Descartes, über den Eiffelturm, die Tour de France oder die Schande "Vichy". Aus einem bunten Kaleidoskop bekommen wir also leider nur einzelne Bilder zu sehen.