Wenn von Alfred Rosenberg die Rede ist, werden meistens die Erinnerungen von Albert Speer zitiert, denen zufolge Hitler Rosenberg als einen engstirnigen Balten, der furchtbar kompliziert denke, bezeichnet habe. Lange Zeit haben die abfälligen Urteile über Rosenberg und dessen Buch Der Mythus des 20. Jahrhunderts dafür gesorgt, dass er von der Geschichtswissenschaft weitgehend vernachlässigt wurde. Nun hat Ernst Piper die erste, ebenso umfassende wie gründliche Biografie geschrieben.

Alfred Rosenberg, 1893 im estnischen Reval, heute Tallinn, geboren, gehörte zu jenen antisemitischen Deutschbalten, für die "Judentum" und "Marxismus" unauflöslich verbunden waren. In der frühen NS-Bewegung spielten sie eine erhebliche Rolle, denn die hasserfüllte Konstruktion einer "jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung" gab dem Denken Hitlers wie der Propaganda der NSDAP die entscheidende Kontur. Die damals starke Stellung Rosenbergs drückte sich darin aus, dass Hitler, als er nach dem gescheiterten Putsch im November 1923 ins Gefängnis musste, ihm die Leitung der illegalen Partei übertrug.

Vom NS-Philosophen zum Vollstrecker des Völkermords

Es stellte sich bald heraus, dass Rosenberg zwar ein engagierte Ideologe, aber kein Parteiführer war. Schnell booteten ihn die Rivalen aus, und als Hitler die Festung Landsberg im Dezember 1924 verließ, zog er sowieso alle Macht wieder an sich. Rosenberg wurde Hauptschriftleiter des Völkischen Beobachters, den er zu einer Tageszeitung ausbaute. Und er schrieb unermüdlich antisemitische Pamphlete, stellte, wie Hitler 1926 ausdrücklich hervorhob, "mit emsigem Bienenfleiß wie kein zweiter sein unerhörtes Wissen in den Dienst der Bewegung". Rosenbergs Buch Der Mythus des 20. Jahrhunderts sollte nichts weniger sein als eine Philosophie des Nationalsozialismus, stieß aber, weniger wegen seiner antisemitischen Tiraden als vielmehr aufgrund seiner radikal antichristlichen Haltung, selbst innerhalb der NSDAP auf Kritik. Hier ist der eigentliche Grund für die Distanzierung Hitlers zu suchen, der aus taktischen Gründen auf das Christentum Rücksicht nehmen wollte. Die katholische Kirche setzte das Buch auf den Index und ging mit eigenen Schriften dagegen an.

Rosenbergs Ruf als Parteiphilosoph blieb dennoch in der NSDAP unangefochten. 1927 wurde er Vorsitzender des Kampfbundes für deutsche Kultur, der, an den Universitäten zum Teil mit Erfolg, Einfluss auf die Kulturpolitik zu nehmen suchte. Im selben Jahr positionierte er sich auch außenpolitisch mit der Schrift Die Zukunftswege einer deutschen Außenpolitik, die weitgehend Hitlers Ansichten entsprach. Sie ebnete Rosenberg den Weg zu einer neuen Aufgabe: Er wurde Leiter des Außenpolitischen Amtes der NSDAP.

Als er jedoch im Mai 1933 bei einem offiziellen Besuch in London durch ungeschicktes Auftreten einen Sturm der Entrüstung in der britischen Öffentlichkeit hervorrief, musste er seine außenpolitischen Ambitionen begraben. Nicht er, sondern Ribbentrop wurde außenpolitischer Berater Hitlers. Stattdessen erhielt Rosenberg 1934 den Posten eines "Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP" – eine Funktion, die er mit unermüdlichem Eifer bis hin zu Plänen für Ordensburgen und Hohen Schulen des Nationalsozialismus ausübte.

Alfred Rosenbergs politische Stunde schlug erneut, als er mit dem Überfall auf die Sowjetunion das neu geschaffene Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete übernahm. Zugleich raubte der so genannte Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg in ganz Europa wertvolle Kulturgüter. Dieser massenmörderische Abschnitt in Rosenbergs Biografie, der ihm in Nürnberg 1946 das Todesurteil einbrachte, nimmt in Pipers umfangreichem Buch nur hundert Seiten ein, und man hätte sich eine ausführlichere Analyse dieser Phase gewünscht, in der der antisemitische und antisowjetische Ideologe zum Vollstrecker des Völkermords wurde. Rosenberg bleibt in Pipers Buch vor allem der Mann des Wortes, dessen Selbsterhöhung zum Parteiphilosophen viel über die "Weltanschauung" des Nationalsozialismus auszusagen vermag. Deren gedankliche Dürftigkeit und Inkohärenz jedoch haben manche Historiker dazu verführt, mit der Person Alfred Rosenbergs auch die Rolle der Ideologie zu unterschätzen. Ernst Pipers Buch rückt diesen einseitigen Blick wieder zurecht.