Eine Toreinfahrt zu einem Hinterhof. "Anerkannte Privatschule" steht auf einem Schild. Daneben flattern bunte Zettel mit Botschaften von Kindern: "Ehrlich sein", "Gutes tun", "Nicht den Bruder ärgern". Gerade ist eine Stunde zu Ende gegangen. Lärmend drängen dunkelhaarige Jungen und Mädchen mit Kopftüchern auf die Straße. Ein Mann mit Vollbart schaut misstrauisch aus einer Tür. BILD

"Salam aleikum!", ruft Werner Schiffauer ihm zu. Der Ethnologe von der Universität Frankfurt zeigt uns heute sein Forschungsfeld, das islamische Kreuzberg mit seinen muslimischen Bildungseinrichtungen und Moscheen, türkischen Buchhandlungen und Vereinen. Während andere Volkskundler Sitten und Gebräuche von Einheimischen in fernen Ländern beforschen, hat Schiffauer seinen Stamm vor der Haustür gefunden: die deutschen Türken, Unterstamm Islamisten. Der Wissenschaftler versucht herauszufinden, was passiert, wenn Einwanderer, speziell aus einer dörflichen Kultur, auf die Normen und Werte einer westlichen Großstadt treffen. Wenn Tradition und Moderne zwischen den Generationen aufeinander prallen und die Religion der Einwanderer sich in der Fremde eine neue Heimat suchen muss.

Zum Beispiel hier in der Boppstraße 4, in der einzigen islamischen Grundschule Deutschlands, wo die Kinder neben dem Alphabet die Botschaften Allahs lernen. Auch Fereshta Ludin arbeitet hier, jene Pädagogin, die in Baden-Württemberg nicht unterrichten durfte, weil sie auch im Unterricht ihr Kopftuch nicht ablegen wollte. Eine krasse Fehlentscheidung, meint Schiffauer, der die Lehrerin kennt. "Wie kann man einer alleinerziehenden Frau, die ihr eigenes Kind in einen katholischen Kindergarten gibt, fundamentalistische Umtriebe unterstellen, nur weil sie ein Kopftuch trägt?", fragt er und schüttelt den Kopf. Da habe der deutsche Staat eine Chance zur Integration verpasst.

Dieser Satz ist typisch für ihn. In der aufgeheizten Debatte um die Einschätzung der islamischen Gruppen in Deutschland gilt er als der profilierteste Vertreter der "Dialogisten". Nicht mit Druck, sondern mit Verständnis soll man den Muslimen begegnen. Und ihnen Zeit geben, sich einzufügen. Statt sie mit Verboten weiter ins Ghetto zu treiben, soll der Staat sie für die hiesigen Institutionen gewinnen. Jede Lehrerin mit Kopftuch an einer deutschen Schule bedeute deshalb einen Gewinn. "Die Integration wird erst gelingen, wenn auch die streng gläubigen Muslime mit geradem Rückgrat Bundesbürger werden können." Viele Freunde macht man sich mit solchen Sätzen nicht, weder unter Deutschen noch bei laizistisch gesinnten Türken.

Das ficht ihn nicht an. "Mich haben immer jene Fremden interessiert, die es den Deutschen schwer machen." Das war schon Anfang der siebziger Jahre so, als er, politisch links bewegt, zum Studium nach Berlin kam. Während des Zivildiensts hatte er sich in Chicago mit schwarzen Ghettojugendlichen beschäftigt. In Deutschland wollte er das Gleiche tun, nur hießen die Schwarzen hier Türken. Die Sozialwissenschaften hatten die Gastarbeiter aus Anatolien gerade erst für die Forschung entdeckt. "Wer drei Bücher gelesen hatte, war so weit wie der Professor", sagt Schiffauer. Der Zufall half ihm auf bittere Weise, das Thema in nächster Nähe ergründen zu können. Er ist vor einem Altbau stehen geblieben, zeigt auf die Ladenwohnung im Erdgeschoss. "Hier war unser türkischer Jugendtreff, und da hinten ist das Restaurant, in dem sich die Jugendlichen vor der Tat getroffen haben." Und in einer Wohnung ein paar Straßen weiter, nicht weit von seiner eigenen, sei sie dann passiert: die Vergewaltigung.

In einer Mainacht 1978 missbrauchten 13 türkische Jugendliche ein deutsches Mädchen. Schiffauer las davon in der Bild- Zeitung. Ihm gefror das Herz. Waren das nicht seine Jungs, mit denen er in einem Jugendladen arbeitete? Wohnten sie nicht seit Jahren in Berlin? Wieso empfanden sie weder Mitleid noch Schuld? Das Jugendgericht beauftragte Schiffauer, den Fragen in den Familien der Täter nachzugehen. Er traf auf eine jugendliche Gedankenwelt aus traditionellem Ehrgefühl und verletztem Stolz, die weder in der Türkei noch in Deutschland auf Verständnis hoffen konnte. Aus diesen Gesprächen entstand seine Diplomarbeit, später als Suhrkamp-Bändchen sogar ein kleiner sozialwissenschaftlicher Bestseller. Er hatte das Thema seines Lebens gefunden.

Ein Vierteljahrhundert ist das her. Wenig hat sich verändert. Schiffauer wohnt noch immer in Kreuzberg. Und die Einwanderer und ihre Religion sind den Deutschen bis heute ein Rätsel. Wenn in Frankreichs Vorstädten Autos brennen, die deutschen Behörden eine islamische Gruppe verbieten wollen oder wenn so genannte Ehrenmorde die Öffentlichkeit erschüttern – es dauert nicht lange, bis jemand den Forscher um Erklärung bittet. "Herr Schiffauer, was geht in den Köpfen dieser Leute vor?" "Herr Professor, kann man den Muslimen trauen?"