So wechselhaft und zwiespältig die christlich-jüdische Verwandtschaft römische Päpste durch Jahrhunderte bewegt hat, so spannend und oft überraschend ist das bislang wohl objektivste und gründlichste Buch zu diesem umstrittenen Thema. Fast ein Jahrzehnt konnte es der Historiker in den lange geheimen (jetzt bis zum Jahr 1939 geöffneten) Vatikan-Archiven erforschen. Nun enthüllt er jene "doppelte Schutzherrschaft", mit der die kirchenstaatlichen Herrscher – vor allem im Mittelalter – ihre jüdischen Untertanen einerseits herabwürdigten, um Christen vor "verderblichem Einfluß" zu bewahren, andererseits grausamer Verfolgung – auch durch die Ghettos – entzogen. Bis dann im 19. Jahrhundert der rassistische Antisemitismus den religiösen Antijudaismus überholte und im 20. Jahrhundert – nach dem ängstlichen Schweigen Pius’ XII. – eine Wende begann, die 1965 im vatikanischen Konzilsdekret gegen jede Verfolgung von Juden und im großen päpstlichen Schuldbekenntnis der Jahrtausendwende gipfelte. Dass der Impuls dazu vom nationalsozialistischen Völkermord an den Juden ausging, erscheint dem Autor des Buches "wie eine bittere Ironie". Dies dürfte ihn darin bestärkt haben, das Thema nicht nur als Fülle fataler Fakten, sondern aus weiter historischer Perspektive darzustellen. Hansjakob Stehle